Der beste Mix

Während ich dies schreibe, höre ich Radio. Es ist neu, es ist digital, es kommt aus dem Internet. Eines der größten Unternehmen, bekannt für Innovationen, hat es heute gestartet. Es ist das langweiligste Radio der Welt. Denn etwas fehlt.

iTunes Radio bietet, was andere auch bieten: Den besten Mix. Und offensichtlich gibt es dafür ja eine Zielgruppe. Wenn die Hörer den besten Mix nicht hören wollten, dann würde es nicht so viele dieser Sender geben. Und toll: iTunes Radio lässt mich die Songauswahl mitbestimmen, wenn ich das will. Alles kostenlos, direkt aus dem Netz. Was will man mehr?

iTunes Radio: Musik mit Preisschild statt Seele.
iTunes Radio: Musik mit Preisschild statt Seele.

Einiges. Ja, es klappt erstaunlich gut, wie iTunes Radio mir neue Musik vorspielt, die mir gefällt. Aber dieses Vorspielen ist ein Abspulen, ein endloses Aneinanderreihen ohne Spannungsbogen, ohne Seele. Das ist vielleicht ein bisschen hochgegriffen, aber es beschreibt den Unterschied zwischen einem persönlich komponierten Mixtape voller Entdeckungen und einem personalisiert zusammengewürfelten Mix mit Preisschild an jedem Track und Link zum Store.

Der Freund im Radio

Das Mixtape ist natürlich auch nicht das, was die Bester-Mix-Sender bieten. Da höre ich tatsächlich lieber iTunes Radio. Aber das Mixtape im Radio gibt es. Und ich will es. Ich will eine bewusst zusammengestellte Auswahl. Ich will neue Musik nicht nur hören, ich will sie präsentiert bekommen wie von einem Freund. Ich will Klaus Fiehe, der mir mit seinen Anekdoten seinen Bezug zur Musik in seiner Sendung schildert. Ich will Alan Bangs und Mike Litt und Christiane Falk. Wenn ich ihnen und ihrer Musik zuhöre, habe ich sogar manchmal das Gefühl, sie haben nur für mich ein Mixtape zusammengestellt.

Bei iTunes Radio habe ich schnell auf „Weiter“ geklickt, wenn mir ein Track nicht gefällt. Am „richtigen“ Radio muss ich dranbleiben oder umschalten. Das braucht Kunst manchmal. Der erste Akt des Theaterstücks war wirr? Vielleicht ergibt im zweiten alles Sinn. Ich gehe nicht in der Pause nach Hause. Klaus Fiehe hat gesagt, die Band ist gut. Ich schalte nicht um. Und wenn iTunes Radio sie mir nächste Woche nochmal vorspielt, höre ich nochmal ganz genau hin, ob mir die Sperrigkeit der Band oder des Songs nicht doch auch gefällt.

Mein Mix: Musik oder Wort

Ich kann diesen Text nicht beenden, ohne etwas über Wortbeiträge zu schreiben. Eigentlich sollte es sogar nur um Wortbeiträge gehen, jetzt ist es ein Text über Musik geworden. Ob wegen fehlender Moderationen, Wortbeiträge oder Seele: Dass der neue Streaming-Dienst iTunes Radio heißt (wie auch schon die vergleichbaren Funktionen von Last.fm und Spotify), ist ein Hohn. Und gefährlich. Es manifestiert die Wahrnehmung von Radio als Musikabspielstation und lässt es so immer belangloser werden. Doch überraschenderweise hat Apple auch die schon totgeglaubte Podcastfunktion von iTunes und die Podcast-App für iOS-Geräte überarbeitet. „Sender“ kann ich mir dort jetzt zusammenstellen, meinen persönlichen Mix an Wortbeiträgen. Und vielleicht ist das doch weiter nach vorne gedacht von Apple als ich anfangs dachte und schrieb.

Denn wie konsumiere ich Musik und Wort? Ich mache mir den besten Mix selbst – indem ich nicht mixe. Beim Arbeiten: Musik, am besten instrumental. Beim Sport: Wort. Beim Bahnfahren: je nach Stimmung, Müdigkeit, Länge. Beim Kochen, auf der Couch, beim Putzen, in der Kaffeepause – in jeder Situation will ich entweder das eine oder das andere, selten beides. Ich entscheide mich, ob ich aufmerksam sein will oder Untermalung brauche. Und die guten Musiksendungen im Radio gehören in die Aufmerksamkeitsphasen. Jetzt müsste es die nur noch als Podcasts geben.

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Überwachung führt zu Misstrauen und betrifft jeden

Seit Prism und Tempora müssen wir davon ausgehen, dass alle digitale Kommunikation irgendwie verarbeitet wird. Das wird unsere Gesellschaft verändern und jeden betreffen. Dabei liegen die Gefahren eigentlich gar nicht im Terrorismus.

Ich habe mich heute in der Webschau bei DRadio Wissen etwas grundsätzlicher mit Prism, Tempora und Überwachung allgemein beschäftigt und mir einige Fragen beantwortet, die ich länger im Kopf hatte. Ich habe versucht, einiges davon hier aufzuschreiben.

Was macht Überwachung mit einer Gesellschaft?

Es schafft Misstrauen. Nicht nur gegenüber dem Staat, sondern auch zwischen Einzelpersonen. Die These hat Christoph Kappes in einem sehr lesenswerten Artikel aufgestellt. Die nachvollziehbare Begründung findet man jedoch woanders. In einem Video-Interview mit dem Zukunftsforscher Jamais Cascio:

Cascio schildert, wie heute schon Facebook-Nutzer ihr Geburtsdatum fälschen. Und homosexuelle Facebook-Mitglieder bewusst falsche Angaben machen und Handlungen ausführen (etwa Links folgen), weil es inzwischen automatisierte Analyse-Verfahren gibt, die relativ genau die sexuelle Orientierung herausfinden.

Das Gefühl der Überwachung motiviert unehrliche Handlungen und Kommunikation. Und damit wären wir bei der These von Christoph Kappes.

„Vertrauen ist nicht einfach da, sondern Vertrauen kann sich nur dort entwickeln, wo die Zukunft unsicher ist; wo Menschen handeln und wo sie auch die Wahl haben, sich für unethisches Handeln zu entscheiden. Die Zukunft ist aber nicht unsicher, wenn alle identifiziert und kontrolliert werden, denn dann werden sie sich äußerlich korrekt verhalten. Dieser äußerliche Frieden verdient die Bezeichnung Frieden aber nicht.“

Diesen Gedanken möchte ich etwas erweitern. Denn Überwachung wird nicht unbedingt immer zu äußerlich korrektem Handeln führen – es motiviert auch unehrliche Handlungen, solche, die ohne Überwachung nicht zustande kämen, weil der Ausführende dadurch kurzfristig das Gefühl der Kontrolle erlangt.

Aber egal ob im Sinne der Überwachung korrekt oder im Sinne des Kontrollverlustes gegenüber seinen Mitmenschen unehrlich, die Konsequenz ist die gleiche: Vertrauensverlust. Denn wer nicht weiß, ob sein Gegenüber so redet oder handelt, weil er so will oder weil er im Gefühl der Kontrolle gefangen ist, der wird seinem Gegenüber nicht mehr vertrauen können. Ich schätze, das meint Christoph Kappes mit der Wahl, sich für unethisches Handeln entscheiden zu können.

Und dann gibt es natürlich noch den direkten Vertrauensverlust durch Überwachung, etwa bei Ärzten, Psychologen, Krankenkassen, Priestern etc. Wie kann man mit denen frei kommunizieren, wie kann man ihnen vertrauen, wenn man Angst haben muss, das Handytelefonat würde mitgeschnitten oder die E-Mails gelesen?

Wie weit geht Überwachung?

Gunnar Sohn weist auf eine weitere Gefahr der Überwachung hin (er zitiert den Soziologen Wolfgang Sofsky):

„Der Generalverdacht macht keine Ausnahme“, meint Sofsky. Je mehr man weiß, desto sicherer weiß man, dass man noch nicht alles weiß. Jede Wissenslücke muss demzufolge zu weiteren Ermittlungen führen.“

Warum betrifft Überwachung auch den Nicht-Terroristen?

Dass der Satz „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten“ nicht stimmt, ist oben schon widerlegt – auch ohne konkrete Ermittlungen auf Basis von gespeicherten Daten hat eine gefühlte Totalüberwachung konkrete Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten einiger Menschen.

Aber: Selbst, wenn man diesen Satz nur wörtlich nimmt, stimmt er nicht. Das hat sehr nachvollziehbar und verständlich der Methodenforscher Gerd Antes aufgeschrieben. Er vergleicht die Totalüberwachung mit einem HIV-Test. Bei dem gibt es die Garantie, dass Fehler passieren, entweder durch Menschen oder Maschinen oder beides. Und deswegen gibt es diese vier Ergebnis-Kategorien: Richtig Negativ, falsch Negativ, falsch Positiv, richtig Positiv.

Die richtig Negativen sind sicher auf HIV negativ getestet worden. Die richtig Positiven sind sicher auf HIV positiv getestet worden. Falsch positiv heißt: Die Probe zeigt fälschlicherweise HIV positiv an. Falsch negativ dagegen bedeutet: Der Test hat eine Infektion nicht angezeigt.

Diese Einteilung und die Grundannahme sind auf eine Totalüberwachung übertragbar, schreibt Gerd Antes. Denn bei einem komplexen Überwachungssystem würden ebenfalls Fehler passieren (Murphys Gesetz: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen). Und weil Fehler passieren, wird es auch falsche Positive geben (kein Terrorist, aber als solcher erkannt) genauso wie falsche Negative (Terrorist, aber nicht erkannt).

Wieso sagt niemand, dass Terroranschläge heutzutage als nicht verhinderbar und normal angesehen werden müssen?

Der Aufschrei wäre vermutlich groß. Das Kuriose: In anderen Bereich gibt es überhaupt keinen Aufschrei, wie Christian Teevs beispielhaft darlegt. So gibt es auf deutschen Straßen kein allgemeines Tempolimit, obwohl unbestritten ist, dass es viele Menschenleben retten würde – die Freiheit des deutschen Autofahrers wird zurzeit als wichtiger bewertet. Ähnlich bei der 0,0-Promille-Grenze. Die Freiheit, ein Bier vor dem Autofahren trinken zu dürfen, wiegt schwerer als die Zahl der Menschenleben, die durch Alkoholverbot gerettet werden könnte. Oder das Waffenrecht: Jedes vierte Tötungsdelikt wird eine Schusswaffe begangen. Doch der Waffenbesitz wird nicht eingeschränkt, weil die Freiheit der Jäger und Sportschützen mehr Wert ist.

Nun frage ich mich: Wieso sind Verkehrstote OK, Terror-Tote aber undenkbar?

Ich weiß es nicht, habe nur Vermutungen. Vielleicht haben vor (dem statistisch höchstunwahrscheinlichen) Terroranschlag die Deutschen einfach mehr Angst als im Straßenverkehr umzukommen (obwohl die Wahrscheinlichkeit hier viel höher ist). Der Terroranschlag kommt schließlich völlig unvorbereitet, man hat keinerlei Kontrolle, nicht einmal gefühlte – und schließlich stünden Terrortoten auch keinerlei Nutzen gegenüber. Wenn man mal ganz technokratisch beim schnellen Vorankommen im Straßenverkehr von Nutzen sprechen möchte.

Eine andere Begründung für das unterschiedliche Abwägen liefert erneut der Methodenwissenschaftler Gerd Antes: Wenn in Deutschlandland ein Terroranschlag zehn Menschen tötet, könnten die regierenden Politiker abdanken. Bei Verkehrstoten wird der Politiker wohl kaum als Schuldiger herangezogen. Auch ein Grund für Merkel und Friedrich Prism und Tempora nicht so schlimm zu finden?

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Neuland in New York

Neuland, Überwachung und Ground Zero - was die Bewohner von Lower Manhattan mit Netzaktivisten gemeinsam haben.

Neuland provoziert immer eine Machtfrage. Wer darf über Grund und Boden bestimmen? Wer entscheidet, welche Rechte und Pflichten hier gelten und wie das Land genutzt wird? Auf Ground Zero stellten sich diese Fragen überraschend und plötzlich für ein riesiges Filetgrundstück in Manhattan. Eine endgültige Antwort auf die Machtfrage gibt es noch nicht. Einige New Yorker fürchten allerdings, dass am Ende die Sicherheitsbehörden die Antwort definieren.

Sicher, man war sich nicht immer einig in New York. Während der Schutt des zerstörten World Trade Centers abgetragen wurde, entwarfen und verwarfen Stadtplaner und Architekten, Bürger und Stadtverwaltung viele Ideen, Ansätze und Pläne für das Areal. In einem war man sich aber weitgehend einig. Einen abgeschotteten Gebäudekomplex wie das World Trade Center (WTC) wollte niemand mehr.

Das WTC war eine Gated Community - im Internet ist dieser Begriff auch bekannt. Compuserve und AOL waren mal abgeschlossene Gemeinschaften im Netz. Facebook hat die Art seiner Abschottung über die Jahre verändert: von "Hier nur Harvard-Studenten" hin zu einer Plattform, die das übrige Netz mehr und mehr zu ersetzen versucht. Werden die Wälle zu hoch gezogen, zu wenig Verkehr von außen hinein und von innen heraus erlaubt, kann das die Community allerdings gefährden - vgl. StudiVZ.

Die Abschottung hat das WTC nicht vor erfolgreichen Terrorangriffen schützen können. Zudem hatte sich Lower Manhattan seit dem Bau des Komplexes in den 1960er Jahren stark verändert. Die Finanzindustrie war nicht mehr so stark, Büros wurden in Wohnraum umgewandelt. Immer noch steigen die Einwohnerzahlen in dem ehemaligen Büro-Bezirk. Langsam entsteht auch die nötige Infrastruktur: Supermärkte, Waschsalons, was man so braucht. Ein wirklich lebendiger Stadtteil ist Lower Manhattan aber noch lange nicht. Die sich über mehrere Blocks erstreckende Baustelle des neuen World Trade Centers ist dem auch nicht gerade zuträglich. Denn sie ist genauso abgesperrt wie es das Gelände zuvor schon war. Auf mehr Offenheit und Freizügigkeit müssen die Menschen noch warten.

Das Memorial wird scharf bewacht.

Mitten drin in der Baustelle liegt das 9/11 Memorial, die Gedenkstätte für die Terroranschläge, zugängig über schmale, eingezäunte Wege. Hier kann man schon erahnen, wie das Areal einmal aussehen könnte. In der Besucher-Broschüre ist eine Computergrafik abgedruckt, die einen von allen Seiten offen zugänglichen Platz zeigt. Der Text daneben bestätigt, dass das der Plan sei, wenn die Hochhäuser ringsum fertig gestellt sein werden. Straßen, die bisher vom WTC-Gelände unterbrochen sind, sollen wieder durchgehend befahrbar oder begehbar sein.

Die New Yorker Polizeibehörde (NYPD) könnte durch diese Planungen allerdings einen dicken Strich machen. Sie will Fahrzeuge nicht nur mit Pollern von den Gebäuden fernhalten, es sollen generell nur Fahrzeuge mit Genehmigung auf das Areal dürfen. Absenkbare Straßensperren, Checkpoints und Wachhäuschen sind auf dem Plan zu Dutzenden rund um das WTC verteilt. Schon zuvor hat sich die Polizei in die Planungen eingemischt: One World Trade Center, der Wolkenkratzer, musste weiter von der Straße weg gebaut werden als zunächst geplant. Die unteren 60 Meter dürfen keine herkömmliche Glasfassade tragen, weil die Splitter bei einer Bombenexplosion viele Menschen verletzen könnten. Auch die übrigen WTC-Gebäude bestehen in den unteren Etagen vor allem aus Beton und Stahl.

Stahl statt Glas: Fassade von WTC-Hochhaus Nummer 7

Die Menschen in Lower Manhattan haben jetzt Sorge, dass die Absperrungen, die Überwachungskameras (auf den Schildern steht "Security Camera"), die Polizeiautos und bewaffneten Polizisten nicht zusammen mit den Baufahrzeugen und Bauarbeitern verschwinden werden.

Ein lebendiger Stadtteil kann sich so nicht entwickeln. Stahlfassadan statt Geschäften im Erdgeschoss, Polizisten statt Straßenhändler, Wachhäuschen statt Zeitungskioske sorgen nicht gerade für einen Ort, an dem man sich wohlfühlt.

Dasselbe steht für das Internet zu befürchten. Zum einen wird die einmal installierte Sperr- und Überwachungsinfrastruktur nicht von selbst wieder verschwinden. Zum anderen werden Staaten, die das Internet als Neuland betrachten, versuchen es zu beherrschen, die Machtfrage - zumindest auf einem Stückchen Internet - für sich zu entscheiden. Das gilt allerdings auch für Unternehmen. Apple und Google machen vor, wie man Neuland erobert und dort seine Regeln durchsetzt. Doch zu viele Regeln schaden der Kreativität. Zu viele Überwachungsmechanismen schaden der Lebendigkeit.

Zu viel Sicherheit schadet. Das sehen sogar die Menschen so, die von einem erneutem Anschlag am World Trade Center betroffen wären. Diejenigen, die in der Gegend leben und jahrelang unter 9/11 gelitten haben.

 

Die Interviewausschnitte in diesem Artikel stammen von dem Architekten und Stadtplaner Alex Garvin, der in den ersten Monaten nach 9/11 bei der Lower Manhattan Development Corporation für die Neuplanung des Stadtteils zuständig war, und von dem New Yorker Brendan Sexton, der sich in unterschiedlichsten Gremien für die Belange der Bürger einsetzt. Die Interviews habe ich für einen DRadio-Wissen-Beitrag geführt.

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Warum PRISM mich überrascht

Was ist es, wenn man behauptet, PRISM könne einen nicht überraschen? Abgeklärtheit? Pessimismus? Rechthaberei?

Natürlich weiß der informierte Informationstechnik-Anwender, dass Geheimdienste Datenströme filtern, hier spähen und dort anzapfen und auch mal den einen oder anderen Hack vornehmen. Und natürlich geht es dabei sowohl um die ganz großen Nummern (siehe Stuxnet), als auch um Einzelpersonen, die vielleicht nur die falschen Länder zum falschen Zeitpunkt bereisen. Selbstverständlich sind die Geheimdienste im Innern gleichermaßen aktiv wie im Ausland.

Aber dass es in der weltpolitisch tonangebenden Demokratie ohne Wissen des Volkes und der Volksvertreter seit Jahren eine Vorratsdatenspeicherung von Mobilfunkdaten gibt, ist ungeheuerlich. Dass die Geheimdienste dieses Landes ohne gesetzliche Grundlage, ohne Anfangsverdacht und ohne demokratisch legitimierte Kontrolle Kommunikationsdaten sammeln und auswerten, ist atemberaubend.

Die Masse macht's

Ich bin zwar bisher davon ausgegangen, dass Skype-Telefonate abgehört werden können. Aber ich habe nicht geglaubt, dass dies massenweise und vor allem ohne Einzelfallprüfung geschieht. Mein Kalender und meine E-Mails sind nicht bei Google gespeichert, weil ich nicht sicher war, dass nur ich Zugriff darauf habe. Seit ich beabsichtigte in die USA zu ziehen, habe ich mich dabei erwischt, wie ich bei Facebook Selbstzensur übte. Apples iCloud habe ich bis vor zwei Wochen nicht mein Adressbuch anvertraut. Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Daten missbraucht werden könnten. Aber ich konnte nicht davon ausgehen, dass der Zugriff so umfassend, so unmittelbar und so unkontrolliert erfolgt, wie es sich in diesen Tagen abzeichnet. Das überrascht mich.

Haben diejenigen, die jetzt sagen, die Affäre überrasche sie nicht, Facebook, Google, Apple, Skype, Microsoft und Yahoo ihre Daten anvertraut, in der inneren Gewissheit, dass Geheimdienste mitlesen? Dann ist das offenbar ein Preis, den diese Leute bereit sind zu zahlen für kostenlose Soziale Netzwerke, Telefonate und Speicherplätze. Das überrascht mich.

Wer wusste was?

Noch mehr würde es mich überraschen, wenn sich herausstellte, dass die beteiligten Unternehmen tatsächlich wussten, dass sie angezapft werden und mit den Geheimdiensten kooperieren. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Unternehmen, das auf das Vertrauen seiner Nutzer angewiesen ist, ein solches Risiko eingehen würde.

Und schließlich bin ich überrascht, wie groß das Risiko für diese Unternehmen tatsächlich war. Dass ein 29-Jähriger, bei allem Respekt für seinen Mut, mit offenbar kaum vorhandener Ausbildung und Erfahrung Zugriff auf Top-Secret-Dokumente und digitale Spionagewerkzeuge hatte, dass er unbemerkt Tausende Dateien kopieren und mitnehmen konnte, ist ein Skandal für sich.

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“Komm, Papa, wir tanzen.”

Seit einem Unfall vor 19 Jahren ist Nicole Holland auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie ist teilquerschnittgelähmt und konnte ihre Beine bisher praktisch nicht nutzen. Sie nimmt am Universitätsklinikum Bochum, das den schönen Namen Bergmannsheil trägt, an einer Studie teil, in der untersucht wird, ob Gehroboter helfen können, die Beinfunktion von Teilquerschnittgelähmten wieder zu aktivieren.

Frau Holland, wie läuft's?

Neulich hatte ich Zeit ohne Ende, weil ein Trainingstermin ausgefallen war. Dann bin ich mit dem Fahrer zum Supermarkt gefahren. Als wir auf dem Parkplatz waren, fragte er: „Rollstuhl oder Rollator?“ Und dann bin ich halt mit dem Rollator in dieses Geschäft rein. Nach diesen fast 19 Jahren über diese Regale drüber hinweg zu gucken, das war eine ganz neue Erfahrung. Das machte dann natürlich auch Mut.

Am nächsten Tag bin ich dann auch mit dem Rollator zur Therapie. Aber als ich dann meine Trainingshose aus dem Nebenraum holen wollte, das war das erste Mal, dass ich richtig grinsen musste. Denn mal eben die Hose holen, das geht mit dem Rolli zupp-zupp, aber mit dem Rollator geht das nicht mal gerade eben. Aber es war ganz, ganz toll.

Was ist das Tolle für Sie?

Wenn Du jemanden in Augenhöhe antriffst, das ist anders. Oder auch Räume wieder so wahrzunehmen, wie ich sie früher wahrgenommen habe. Dieses Überschauen, das ist es: Man kann einfach die Dinge überblicken.

Aber es muss auch anstrengend sein.

Die Muskulatur spüre ich ja nicht. Aber ich bin auf einem Musikabend gewesen. Da hatte ich mich an einen Stehtisch gestellt, dahinter war eine Wand. Da habe ich dann eineinhalb Stunden an der Wand und an dem Tisch gestanden. Dann habe ich aber gedacht: "Nicole, jetzt setz dich aber mal wieder hin." Dann fängt man an zu zittern und zu schwitzen. Der Körper sagt: "Hallo, können wir mal ne Pause machen?"

Wenn Sie nicht genau wissen, was auf Sie zu kommt, nehmen Sie lieber den Rollstuhl als Krücken oder Rollator?

Ja, noch auf jeden Fall. Das schönste in dieser kurzen Zeit war, als ich mit meinem Vater am ersten Weihnachtstag am Tisch saß und "Bye, bye, my love" lief. Und ich sagte: "Komm, Papa, wir tanzen." - "Wie?" - "Komm, wir tanzen, stell dich jetzt hier hin!". Das war jetzt natürlich kein Vier-Viertel oder so, aber es war einfach nur schön. Wie mein Papa mir in die Augen geguckt hat... Bei meiner Mutter liefen die Tränchen, aber ich habe ganz egoistisch an mich gedacht und einfach mal im Stehen et Föttche gehen lassen.

Ändern sich bei Ihnen jetzt Dinge, die bisher gar keine Rolle gespielt haben?

Um Schuhe musste ich mich bisher gar nicht kümmern. Jetzt habe ich extra hergestellte orthopädische Schuhe, weil der linke Fuß nach innen zieht und der rechte Fuß keine Hebewirkung mehr hat. Außerdem sind die Beine unterschiedlich lang. Die sind jetzt schon richtig beansprucht worden. Als nächstes hätte ich gerne schöne Turnschuhe. Die sind jetzt eben nicht mehr nur Accessoire, sondern ich kann sie richtig nutzen. Andere Schuhe habe ich schon seit 15 Jahren, die sind ja nie verschleißt worden.

Wollen Sie manchmal zu viel?

An einem Tag hatte ich die Unruhe. Ich habe meine Physiotherapeutin angerufen und gefragt: "Was ist eigentlich mit Treppensteigen?" "Übertreib es nicht," hat sie gesagt. Das sind hier drei Etagen in dem Haus. Anstatt, dass ich dann erstmal ein Plateau hoch gehe und dann wieder runter, stiefel ich natürlich direkt die ganzen drei Etagen hoch. Da war ich nachher sehr froh, dass ich unten wieder heil angekommen bin. Da habe ich mich überschätzt. Aber ich kann im Grunde nur jedem raten: selber versuchen. Wenn Sie wissen, dass Sie sicher sind und Blutdruck und Puls und alles in Ordnung ist: ausprobieren!

Abgesehen von den Fortschritten in der Mobilität: Haben Sie Ziele?

Weshalb ich überhaupt die Initiative ergriffen habe: Ich möchte wieder arbeiten gehen. Dadurch dass ich Leistung gebracht habe, sage ich mir: So, jetzt kann ich wieder arbeiten gehen. So jung Rentner sein ist nicht toll. Mit meiner Behinderung habe ich trotz eines sehr guten Abschlusses als Kosmetikerin keine Stelle bekommen. Da bin ich in ein tiefes Loch gefallen, bis später meine Tochter geboren wurde. Jetzt ist sie 14. Das kann das Leben nicht gewesen sein.

Das heißt, durch das Training mit dem Exoskelett verändert sich Ihr ganzes Leben?

Ich werde definitiv in der Eifel verkaufen: Das Haus, alles, ich werde alles aufgeben. Ich möchte  nicht mehr so auf das Auto angewiesen sein. Und ich muss unter Menschen. Ich denke, dass das bis zum Sommer alles über die Bühne ist. Also, es hat sich viel getan.

Werfen Sie auch manchmal einen Blick zurück?

Manchmal denke ich daran, dass das alles schon viel, viel früher hätte gehen können. Dann sage ich mir: Die Zeit ist weg, die mache ich nicht mehr gut. Aber ich lebe ja nicht in der Vergangenheit, ich lebe in der Zukunft.


Mehr von Nicole Holland und zu den Chancen, aber auch zu den Grenzen, die Exoskelette bieten, in Wissenschaft im Brennpunkt im Deutschlandfunk. Für diese Sendung habe ich dieses Interview geführt. Es fand nach rund sechs Wochen Gehtraining mit dem Exoskelett statt.

In Wissenschaft im Brennpunkt geht es neben dem in Bochum getesteten HAL-Skelett um Ekso von Ekso Bionics und ReWalk von Argo Medical Technologies. ReWalk wird mit einem Armband gesteuert und bietet Funktionen zum Aufstehen und Hinsetzen, zum Gehen und zum Treppensteigen (Foto links). ReWalk und Ekso lassen sich nur sicher mit Krücken benutzen. Denise Engelmann, die Ekso in Heidelberg getestet hat, hält Exoskelette daher für nicht alltagstauglich und zieht den Rollstuhl vor (Foto unten). Mehr in Der Traum vom aufrechten Gang - Exoskelette im Praxistest. (Manuskript, MP3-Audio-Datei)

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Was ist Technik?

Beschreibt man den Begriff "Technik" in neun Kategorien, ergeben sich interessante Zusammenhänge. Technik mal generell erklärt.

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich habe letztens eine allgemeine Erklärung für den Begriff “Technik” gesucht. Google liefert natürlich zuerst den Wikipedia-Eintrag „Technik“. Dort findet man eine Kategorisierung des Technikbegriffs in neun Gebiete:

  1. Stoffwandlungstechnik
  2. Stofftransporttechnik
  3. Stoffspeichertechnik
  4. Energiewandlungstechnik
  5. Energieübertragungstechnik
  6. Energiespeichertechnik
  7. Informationsverarbeitungstechnik
  8. Informationsübertragungstechnik
  9. Informationsspeichertechnik

Ich finde diese Einteilung interessant und schlüssig. Generell mag ich Übersichten, die Kontext schaffen (der mir in meinem Studium des Technikjournalismus öfter mal gefehlt hat). Deshalb will ich diese Liste hier aufgreifen und mit einigen Informationen anreichern. Für den Bereich der Informationstechnik ist übrigens mein Kollege Thomas Reintjes verantwortlich.

1. Stoffwandlungstechnik:

Worum geht’s?

Die Stoffwandlungstechnik umfasst, wie der Name schon sagt, verschiedene Techniken, Stoffe von einem Zustand in einen anderen zu wandeln. Als einfaches Beispiel sei hier das Fräsen erwähnt, das aus einem unbearbeiteten Stück Metall das passende Bauteil für einen PKW-Motor macht. Oder die Raffinerie, in der aus Erdöl Benzin gemacht wird. Es gibt tausende verschiedene Techniken, die in die Kategorie Stoffwandlungstechnik fallen, deshalb gibt es auch viele verschiedene Unterkategorien, etwa Verfahrenstechnik (Raffinerie), Fertigungstechnik (Fräsen) und Werkstofftechnik (Herstellen von Verbundmaterialien wie CFK).

Wer macht das?

In der Stoffwandlungstechnik sind dutzende, wenn nicht hunderte, verschiedene Handwerks-, Industrie- und Ingenieursberufe beheimatet, zum Beispiel: Industriemechaniker, Schreiner, Maschinebau-Ingenieur (mit den verschiedensten Fachrichtungen), Verfahrenstechniker.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

In vielen Bereichen hat man hunderte bis tausende Jahre Erfahrung (Metall-/Holzbearbeitung). In anderen Bereichen sind die Wissenschaftler noch ganz am Anfang, etwa bei der Frage, wie man aus Erdöl-Ersatzstoffen (Pflanzen, Kunststoffe, CO2, Recyclingmaterial) andere chemische Produkte herstellen kann (Kunststoffe, Treibstoffe, Medizin).

Die Stoffwandlungstechnik ist mit vielen anderen Techniken aus anderen Kategorien verknüpft. So finden etwa Fortschritte bei grundlegenden Stoffwandlungstechniken wie dem Fräsen und Drehen vor allem durch die Verknüpfung mit der Informationsverarbeitungstechnik statt.

2. Stofftransporttechnik:

Worum geht’s?

In der Stofftransporttechnik sind Disziplinen wie die Förder- und Verkehrstechnik beheimatet. Das automatisierte Fließband in der Fabrik ist ein klassisches Produkt der Fördertechnik. In der Verkehrstechnik, die nicht mit der Fahrzeugtechnik zu verwechseln ist, entwickeln die Ingenieure Konzepte und Verkehrsleitsysteme für den Personen- und Güterverkehr. Das sind zum Beispiel die Lichtanlagen an Bahngleisen.

Wer macht das?

Der Logistiker ist ein Beruf der Stofftransporttechnik - zumindest dann, wenn er neue logistische Systeme entwickelt. Wie Stoffe von A nach B kommen, damit beschäftigen sich aber auch Automatisierungstechniker und Maschinenbauer.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Besonders in der Fördertechnik finden rasant Fortschritte statt, die mit der Informationstechnik zusammenhängen. Forscher arbeiten aktuell daran, Fördersysteme (etwa in einem großem Lager) zu einem sich selbst organisierenden System zu machen, in dem es keine zentrale Steuerungseinheit mehr gibt, sondern die Transportgeräte selbst ihren Weg finden und mit den anderen Geräten kommunizieren.

3. Stoffspeichertechnik:

Worum geht’s?

Die Stoffspeichertechnik umfasst etwa die Lagertechnik und die Frage, wie ein Lager am sinnvollsten konzipiert ist. Als Beispiele für diese Kategorie sind aber auch Castor-Behälter für abgebrannte Brennelemente zu nennen oder der Flüssiggas-Tank im Auto.

Wer macht das?

Je nach Behälter war ein Maschinenbauer und Metallbauer oder auch ein Architekt und Maurer am Werk.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Als Beispiel für einen noch nicht fertig konzipierten Stoffspeicher ließe sich ein Endlager für hochradioaktiven Abfall nennen. Forscher verschiedener Disziplinen (Geologen, Chemiker, Physiker, Mathematiker, Bergleute) erforschen gerade, wie ein Endlager beschaffen sein muss, damit es den Atommüll über lange Zeit sicher einschließt.

4. Energiewandlungstechnik:

Worum geht’s?

Wie macht man aus Sonne Strom? Wie macht man aus Wärme Bewegung? Das sind Fragen, die der Kategorie Energiewandlungstechnik zuzuschreiben sind. Welche Energieformen es gibt und welche Möglichkeiten man heute kennt, die eine Energieform in die andere umzuwandeln, ist schön übersichtlich auf Wikipedia zu finden.

Wer macht das?

In der Energiewandlungstechnik sind klassischerweise Physiker, Elektroniker und Elektrotechniker zu Hause. Neuerdings spielen hier aber auch Fragen nach innovativen Werkstoffen eine Rolle, etwa bei der Entwicklung neuer Solarzellen.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Die Energiewandlungstechnik ist sicher einer der wichtigsten Technik-Bereiche der heutigen Zeit. Es ist allseits von der Energiekrise die Rede – die nicht beschreibt, dass wir zu wenig Energie hätten. Es gibt mehr Energie auf der Erde als die Menschheit je benötigen wird. Das Problem ist, dass die Technik noch nicht so weit ist, die vorhandene Energie (Sonne, Wind, Wärme, Wasser etc.) in sinnvoll nutzbare Energie umzuwandeln, was etwa der noch geringe Wirkungsgrad von Solarzellen zeigt. Wobei man anmerken könnte, dass das eigentliche Energieproblem weniger in der Wandlungstechnik als vielmehr in der Übertragungs- und Speichertechnik liegt (s.u.).

Zusammenfassend könnte man die Ziele der Ingenieure der Energiewandlungstechnik wiefolgt beschreiben: Wirkungsgrad erhöhen. Denn bei jedem Wandel von einer Energieform in die andere, geht Energie verloren. Nicht wirklich verloren, sie ist noch da, aber eben nicht in der Form, in der man sie haben will. Deshalb hat ein Kernkraftwerk etwa einen Wirkungsgrad von nur 30 Prozent. Dort wird Nukleare Energie in thermische Energie (Reaktor), thermische Energie in mechanische Energie (Turbine) und mechanische Energie in Elektrische Energie (Generator) umgewandelt. Bei all diesen Prozessen fällt Abwärme an, die nicht (komplett) genutzt werden kann.

5. Energieübertragungstechnik:

Worum geht’s?

Energie von A nach B zu transportieren, ist Aufgabe der Energieübertragungstechnik. Strom wird klassischerweise über eine Stromleitung befördert, das ist jahrzehntelang erprobt. Aber auch hier gibt es Forschungsbedarf, etwa um die Verluste zu reduzieren.

Wer macht das?

Siehe Energiewandlungstechnik. Für Gas- und Stromleitungen werden auch Maschinenbauer und Geologen benötigt.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Supraleiter mit höherer Effizienz als klassische Kupfer-Kabel sind in Entwicklung. Strom ist jedoch nur eine Variante der Energieübertragung.

Energie kann nämlich auch in anderen Medien übertragen werden, zum Beispiel Benzin, Gas, Öl, klassischerweise in Leitungen und Tankern. Sollte in der afrikanischen Wüste tatsächlich einmal eine riesige Photovoltaik-Anlage errichtet werden, die Energie für Europa liefert, muss die Frage geklärt werden, wie die Energie von Afrika nach Europa kommt. Lange Stromleitungen wären eine Option, ebenso aber auch Gasleitungen, die die Energie in Form von z.B. Wasserstoff transportieren.

6. Energiespeichertechnik:

Worum geht’s?

Energie zu speichern ist wichtig. Überall dort, wo keine Energie in Form von Strom- oder Gasleitung verfügbar ist, muss Energie gespeichert werden. Das bekannteste Beispiel ist wohl der Benzintank im Auto oder der Akku im Handy. Diese Speichertechniken leisten zuverlässig ihren Dienst. Doch für die Zukunft brauchen wir neue Energiespeicher.

Auch in großen Dimensionen muss Energie in Form von Elektrizität manchmal gespeichert werden. Wenn in großen Stromnetzen Energieüberschuss herrscht (etwa nachts, wenn wenig verbraucht wird), wird der Überschuss verwendet, um Wasser in einen hoch gelegenen See zu pumpen - ein sogenanntes Pumpspeicherkraftwerk. Wird die Energie wieder gebraucht, schießt das Wasser aus der hohen Lage durch Turbinen hinab und erzeugt wieder Strom. Mit erheblichen Verlusten, aber ein Pumpspeicherkraftwerk ist bisher eine der besten Methoden, große Mengen Strom zu speichern.

Wer macht das?

Maschinenbauer, Elektrotechniker, Elektroniker, Chemiker, Physiker - viele verschiedene Berufsgruppen tüfteln an Speichertechniken für die Zukunft. Allein ein Akku wird von vielen verschiedenen Berufsgruppen entwickelt - weil die Grundlagenchemie dort genauso hineinspielt wie die Werkstofftechnik und Elektronik (für die Steuerung).

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Benzin und Diesel werden irgendwann ausgehen. Man muss man sich deshalb so sehr wie noch nie über die Energiespeichertechnik Gedanken machen. Es steht so gut wie fest, dass die Energie der Zukunft Strom sein wird. Damit wird in Zukunft auch das gemacht, wofür heute Benzin und Diesel zum Einsatz kommen - also hauptsächlich Auto fahren. Doch genau darin besteht das Problem: Wie speichert man den Strom so, dass er ein Auto viele hundert Kilometer weit befördern kann? Ansätze gibt es viele, marktreif ist noch keiner:

  • Akkus speichern Strom. Doch selbst das Elektroauto mit dem ausgereiftesten Akku-System fährt erst halb so weit wie ein effizientes Diesel-Auto mit einem 80-Liter-Tank - und kostet mindestens das doppelte.
  • Strom erzeugt Wasserstoff. Wasserstoff könnte man wie Benzin oder Erdgas in Tanks speichern und dem Auto so eine hohe Reichweite verschaffen. Allerdings ist Wasserstoff wegen der Explosionsgefahr nicht ungefährlich, auch gibt es in ganz Deutschland erst ein paar dutzend Tankstellen. Die komplette Tank-Infrastruktur (mit neuen Zapfsäulen etc.) müsste umgestellt werden..
  • Es gibt erste Forschungsansätze, Kohlenstoffdioxid mithilfe von Strom in Benzin und Diesel umzuwandeln. Würde das klappen, wäre diese Variante vielleicht erfolgversprechend, weil die komplette Infrastruktur vom Verbrennungsmotor bis zur Zapfsäule erhalten bleiben könnte.

Neben dem Auto gibt es natürlich noch hunderte andere Anwendungen, bei denen die Speicherung von Energie wichtig ist, etwa Handys und MP3-Player. Doch im Gegensatz zum Auto ist hier der Einsatz von Akkus etabliert. Es ist nicht absehbar, dass das Handy demnächst etwa über einen kleinen Wasserstofftank verfügt.

7. Informationsverarbeitungstechnik

Worum geht’s?

Die Welt ist voller Informationen - sie zu erfassen, zugänglich zu machen, aus Rohdaten verwertbares zu machen und verschiedene Informationen miteinander zu verknüpfen ist Aufgabe der Informationsverarbeitungstechnik.

Wer macht das?

Da es heute vor allem um digitale Informationsverarbeitung geht, ist dies vor allem ein Betätigungsfeld für Informatiker und Programmierer, aber auch Elektrotechniker und Physiker auf der Hardware-Seite.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Laut Wikipedia wächst die weltweite Kapazität der Informationsverarbeitung jährlich um 60 Prozent. Die Geräte werden nicht nur zahlenmäßig mehr, sondern bekanntlich auch immer schneller. Diese Entwicklung beizubehalten ist eine große Herausforderung, denn die heutige Technik wird in absehbarer Zukunft an ihre physikalischen Grenzen stoßen. Quantencomputer oder biologische Computer sind Entwicklungen, die noch viele Jahre Gegenstand der Forschung sein werden.

8. Informationsübertragungstechnik

Worum geht’s?

Technik setzen Menschen schon sehr lange ein, um eine Information von A nach B zu übermitteln. Das zeigt etwa die Nachrichtentechnische Sammlung an der Technischen Hochschule Aachen: in dem virtuellen (und realen) Museum gibt es Exponate von der afrikanischen Trommel bis zum Handy.

Wer macht das?

Nachrichtentechnik in ein Teilbereich der Elektrotechnik. Da nachrichtentechnische Systeme die vielseitigsten Übertragungswege - vom klassischen Kupferdraht bis zur Glasfaser, von Radio- und Funksystemen bis zu Satellitenverbindungen - umfassen, spielen auch viele andere Disziplinen in diesen Bereich hinein.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Die größte Herausforderung besteht darin, Informationen besonders effizient zu übertragen. Mobilfunk- oder Festnetzverbindungen zum Telefonieren und Surfen sollen verlässlich funktionieren - auch dann noch, wenn immer mehr Menschen immer mehr Daten verschicken. Ein Teilbereich der Informationsübertragungstechnik ist es zum Beispiel, bessere Kompressionsverfahren zu entwickeln.

9. Informationsspeichertechnik

Worum geht’s?

Eine Festplatte im Computer, ein USB-Stick, eine CD, eine DAT-Kassette - das alles sind Beispiele aus der Kategorie Informationsspeichertechnik. Bisher werden lokale Festplatten (Magnetspeicher) sowie elektronische Speichermedien am häufigsten eingesetzt. Ältere Speichermedien wie die Lochkarte gehören neben den modernen Speichertechniken ebenfalls in die Kategorie Informationsspeichertechnik.

Wer macht das?

Die Informationsspeichertechnik gehört zu verschiedenen Disziplinen. Am ehesten zuzuordnen ist sie der Elektrotechnik, wobei inzwischen auch zum Beispiel Biologen an Datenspeichern forschen - indem sie eine Speichermethode ähnlich der menschlichen DNA entwickeln.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Die Datenspeicher haben sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Festplatten auf Magnetspeicherbasis erreichen inzwischen Kapazitäten von vielen Terabyte, elektronische Speichermedien wie USB-Sticks sind heute für wenige Euro erhältlich. Doch allmählich werden die Grenzen der bisherigen Speichermedien erreicht. In Versuchsanlagen wie dem CERN fallen teilweise so viele Daten an, dass die Wissenschaftler Schwierigkeiten haben, sie schnell genug abzuspeichern.

Insgesamt ist ein Trend zu größer werdenden Datenmengen zu erkennen. Bisher können die Datenspeicher diesem Trend mithalten, doch in Zukunft werden grundlegend neue Speichertechniken benötigt. Erforscht werden derzeit zum Beispiel biologische Speicher und holografische Speicher.

Achso. Auf die Frage “Was ist Technik?” müsste man nach dieser Einteilung antworten: Der Begriff Technik umfasst die von Menschen erschaffenen Möglichkeiten, Stoffe, Energie und Informationen umzuwandeln, zu übertragen und zu speichern.

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Der neue Kalte (Cyber-)Krieg

Der Kalte Krieg ist seit dem Fall der Berliner Mauer Geschichte. Atomwaffen gibt es immer noch, aber das Wettrüsten zwischen den Weltmächten hat weitestgehend ein Ende gefunden. Oder doch nicht?

Vor einiger Zeit bin ich über die BBC-Headline „China and US to co-operate to avoid cyber Cold War“ gestolpert. Die Nachricht – nicht mehr als eine Randnotiz – summiert für mich die vielen größeren und kleineren Meldungen zum Thema Cyberkrieg auf, die ich bis dato eher beiläufig und nicht als Zeichen akuter Bedrohung wahrgenommen habe. Aber scheinbar ist die Gefahr eines Cyberkrieges so akut und sind die Folgen derart schreckenerregend, dass sich die (IT-)Weltmächte nun gezwungen sehen, dem Wettrüsten mit offiziellen Abkommen einen Riegel vorzuschieben. Ist da schon ein neuer, ein zweiter Kalter Krieg im Gange?

Nun, spätestens seit dem mutmaßlich von George Bush und Barack Obama initiierten Virus Stuxnet ist es öffentlich, dass Staaten andere Staaten mit Cyberattacken zu schädigen versuchen. Aber die tatsächliche Bedrohung für den Weltfrieden wird wohl in der Öffentlichkeit unterschätzt. Wenn zwei ideologisch so fremde Länder wie die USA und China die Notwendigkeit sehen, quasi einen Nicht-Angriffspakt zu treffen, muss die Bedrohung und die Furcht vor den Folgen eines Cyberkrieges sehr real sein. Das macht die BBC-Meldung klar; die zentrale Aussage des US-Außenministers Leon Panetta:

„Because the United States and China have developed the technological capabilities in this arena, it's extremely important that we work together to develop ways to avoid any miscalculation or misperception that could lead to a crisis in this area.“

Und Hamadoun Toure, Generalsekretär der Telekommunikations-Behörde der UN, der International Telecommunications Union (ITU), appelliert in einem anderen BBC-Bericht an die UN- Mitgliedsstaaten, eng zu kooperieren, um einen globalen Cyberkrieg zu verhindern.

„There is a risk of cyberwar - but it's not necessary. That's what we're trying to do: prevent. We're saying the best way to win a war is to avoid it in the first place.“

Auf eine mögliche Krise in Folge Cyberangriffen bereiten sich die Staaten weltweit vor – auch Deutschland. Wie u.a. die Financial Times Deutschland berichtet, hat das Verteidigungsministerium dem Bundestag melden können, die Bundeswehr habe die „Anfangsbefähigung“ erreicht, um „gegnerische Netze“ zu attackieren. Wer die Augen aufhält, stößt ständig auf vergleichbare Meldungen. Während Israel und die USA den Cyberspace für Schattenkriege nutzen, rüstet sich Japan mit Computerviren gegen Angriffe auf die Wirtschaft und Infrastruktur. Und: Sich mit Cyberwaffen auszurüsten ist vergleichsweise billiger und einfacher als eine Atombombe zu entwickeln. Auch deshalb wirft die UN ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklungs- und Schwellenländer.

All dies ist besorgniserregend. Auch weil es sich beim Cyberkrieg um eine wenig offensichtliche Bedrohung handelt. Das Wettrüsten findet weitestgehend unter der Wahrnehmungsschwelle der Medien und damit der Öffentlichkeit statt. Die Bilder und die Folgen konventioneller Gewalt sehen wir täglich in den Nachrichten. Geschosse und Bomben töten direkt und offensichtlich. Als die USA Pershing-II-Raketen mit Nuklearsprengköpfen in Deutschland stationierten, gingen Anfang der 1980er-Jahre Hunderttausende auf die Straße. Noch ist es schwer vorstellbar, dass es eine derart konzertierte Friedensbewegung http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensbewegung etwa im Rahmen der Ostermärsche gegen die Aktionen der Cyberkriegsherren gibt.

Notwendig wäre es, sind doch die Folgen eines massiven Cyberkriegs mit denen eines mit konventionellen Waffen ausgetragenen Konflikts durchaus vergleichbar. Zwar töten Viren und Trojaner nicht unmittelbar. Doch braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, welche Folgen etwa ein erfolgreicher und weitreichender Cyberangriff auf das Stromnetz/die Trinkwasserversorgung/die IT-Netze eines industrialisierten Landes haben würde. Ist die Störung nicht innerhalb weniger Tage behoben, bricht die Wirtschaft und die gesellschaftliche Normalität ein, die erforderlichen Notstandsmaßnahmen könnten rasch zu Unruhen und Toten führen.  

Der neue Kalte (Daten-)Krieg ist Realität und hier und dort wird der Konflikt bereits heiß. Es ist wohl wieder soweit: Ein Druck auf den roten Knopf – Entschuldigung – die Entertaste, und die Welt stürzt ins Chaos.

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Wir brauchen neue Einkaufswagen

Einige Automobilhersteller führen gerade die Allradlenkung ein. Die meisten Supermärkte haben sie schon immer. Es ist Zeit, sie abzuschaffen.

Ich muss das einfach mal los werden: Einkaufswagen im Supermarkt lassen sich nicht lenken. Zumindest ich kann es nicht. Das liegt daran, dass alle vier Räder beweglich sind. Kann jemand von euch damit anständig um eine Kurve fahren? Wenn ich den Einkaufswagen schiebe, wie es konstruktionsbedingt wohl vorgesehen ist, muss ich in einer Kurve immer um den Einkaufswagen herum laufen, um ihn dann von hinten in den gewünschten Gang zu drücken – je nach Befüllungsgrad und Geschwindigkeit des Wagens muss ich ziemlich schnell sein und ziemlich viel Kraft aufwenden.

Es gibt auch Einkaufswagen, bei denen nur zwei der vier Räder beweglich sind, die anderen sind fest. Damit ist das Lenken kein Problem. Allerdings sind die die Ausnahme – die großen Einkaufswagen für Schwerlasten im Baumarkt oder in Cash&Carry-Märkten haben zwei Räder fix, in einem herkömmlichen Supermarkt für Lebensmittel habe ich diese Wagen noch nicht gesehen. Warum eigentlich dieser Unterschied?

Zugegeben: Die Allradlenkung hat ihre Vorteile. Das Ein- und Ausparken im engen Gang ist deutlich einfacher, denn der Wagen lässt sich in alle Richtungen, also auch seitwärts, bewegen. Doch mit ein bisschen Geschick und Übersicht lassen sich diese wichtigen Wendemanöver auch mit einer Zweiradlenkung bewerkstelligen.

Deshalb ein Vorschlag, der auch die Bedürfnisse derjenigen berücksichtigt, die ihre Fahr- und Lenkgewohnheiten im Supermarkt nicht ablegen können oder wollen: Bitte, liebe Einkaufswagen-Konstrukteure: Baut die nächste Generation Einkaufswagen mit einer Wahlmöglichkeit zwischen Allrad- und Zweiradlenkung. Das dürfte über einen kleinen Hebel in Schiebegriffhöhe leicht realisierbar sein.

Und wenn wir schon dabei sind, den Wünsch-dir-was-Einkaufswagen zu bestellen: Ich hätte gern einen Smartphonehalter (für den digitalen Einkaufszettel), ein Navigationssystem, das mich zu den gewünschten Produkten führt und mir sagt, wenn ein Produkt gerade nicht verfügbar ist, sowie einen Sensor, der erkennt, wenn ein Einkaufswagen mitten im Gang geparkt ist und der einen lauten Alarmton mit der Ansage „Bitte den Gang frei machen“ auslöst.

 

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Ohne Auto: Mein ganz persönliches Mobilitätskonzept

Ich werde selten gefragt, ob ich ein Auto hätte und - nachdem ich diese Frage mit “nein” beantwortet habe - warum das denn so sei. Weil es aber doch immer mal wieder vorkommt, beschreibe ich hier einmal mein ganz persönliches Mobilitätskonzept.

Warum ich kein Auto habe? Kurz: Weil es für mich günstiger ist, keins zu haben und mir die neuen Mobilitäts-Möglichkeiten ausreichend Flexibilität und Spielraum geben. (Ein Auto mit aktuellem Wert 8000 Euro würde mich inkl. Abschreibung und allen Fix- und variablen Kosten - ohne Benzin - knapp 200 Euro im Monat kosten. Nur, damit ich eins habe. Gefahren bin ich damit dann noch keinen Meter.)

Hier mein ganz persönliches Mobilitätskonzept (für die Stadt Köln):

Für kurze, innerstädtische Fahrten ohne viel Gepäck nehme ich fast immer das Fahrrad. Deshalb habe ich auch immer einen Rucksack dabei, in dem sich Regensachen, Spanngurt und Licht befinden. Man weiß ja nie. Sollte mein Fahrrad kaputt sein, oder ich brauche ein zweites, kann ich in Köln glücklicherweise den praktischen Fahrrad-Sharing-Service Call-a-Bike nutzen. Bus und Bahn spielen natürlich auch noch eine Rolle, wenn auch eine kleine. Das Taxi nutze ich sehr selten. Ist einfach nicht nötig in Köln, wo die U-Bahnen fast immer fahren.

Verbesserungsvorschläge: Mehr und besser ausgebaute Fahrradwege. Mehr Fahrrad-Sharing-Angebote.

Für kurze, innerstädtische Fahrten mit viel Gepäck bietet sich das Carsharing an - ich habe das Glück, bei mir um die Ecke einen Flinkster-Standort zu haben, bei dem ich bisher immer ein Auto bekommen habe. Für Fahrten innerhalb der Stadt, die nicht länger als ein, zwei Stunden dauern, ist Carsharing optimal. Ich habe noch nie mehr als 12 Euro für ein Mal Fahren bezahlt. Andere Carsharing-Anbieter habe ich noch nicht ausprobiert, was man so hört, funktionieren die aber auch gut.

Verbesserungsvorschläge: Man sollte die Autos (wie die Call-a-Bike-Fahrräder) überall  zurückgeben können. In Ulm kann das im sehr gut angenommenen System Car2Go so gemacht werden.

Für mittel-lange Strecken (10 bis 100 Kilometer) nutze ich am häufigsten Straßenbahn und S-Bahn bzw. Regionalexpress. Die Preise finde ich akzeptabel, auch wenn die Flexibilität wegen fester Haltestellen und Fahrzeiten ziemlich eingeschränkt ist, besonders in den Nebenverkehrszeiten. Ich hoffe sehr auf einen Erfolg von Systemen wie Flinc (spontan vermittelte Mitfahrgelegenheiten), die genau für solche Strecken konzipiert sind. Meines Erachtens nach hat das Auto für diese Art von Strecken die größten Stärken und Car-Sharing und Autovermietung die größten Schwächen. Car-Sharing ist teuer, wenn man viele Kilometer fährt (ich sag mal mehr als 20), Autovermietung dann, wenn man ein Auto für eine relativ kurze Strecke (weniger als 150) einen ganzen Tag mieten muss.

Lange Strecken: Gerne die Bahn (wobei die Preise ohne Bahncard 50 meines Erachtens viel zu hoch sind), Mitfahrgelegenheit (bei größeren Städten finde ich fast immer eine) oder auch Mietwagen. Bahn ist für mich unschlagbar in Sachen Komfort (seit es in den meisten ICs und ICEs Steckdosen gibt und die Sitze so bequem geworden sind), Mitfahrgelegenheit im Preis, Mietwagen in der Flexibilität. Aber auch preislich finde ich Mietwagen fair. Über die Plattform billiger-mietwagen.de habe ich vergangenes Jahr einen nagelneuen VW Passat inkl. Navi für meinen Urlaub gemietet. Alle Kilometer frei, 14 Tage, 460 Euro inkl. Versicherungsschutz für Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Niederlande, Belgien, Luxemburg. Durchschnittsverbrauch: Unter fünf Liter Diesel. Mietwagen lohnen sich meines Erachtens aber nur, wenn man viele Kilometer fährt.

In letzter Zeit haben sich auch Plattformen wie Tamyca etabliert - Websites, auf denen Privat-PKW ver- und gemietet werden können. Diesen Service habe ich noch nicht genutzt, das werde ich aber mal ausprobieren. Fördernd für diesen Service sollte eine aktuelle Entwicklung sein, die es ermöglicht, sein Auto ohne Schlüsselübergabe zu vermieten. Sinnvoll ist das Vermieten des Privat-PKW aus denselben Gründen, warum ein kommerzielles Carsharing sinnvoll ist: Die Standzeiten werden verkürzt, in denen ein Auto nicht genutzt wird, aber trotzdem kostet.

Verbesserungsvorschläge: Bahn-Preise für Langstrecken verringern. Sonderzüge einsetzen bei erhöhtem Verkehrsaufkommen. Generell könnte die Bahn mal darüber nachdenken, wie sie von ihrem starren Wir-fahren-nur-nach-Fahrplan-System wegkommt hin zu mehr Flexibilität, die die modernen Kommunikationssysteme so mit sich bringen.

Insgesamt bin ich mit den Mobilitäts-Möglichkeiten in Großstädten wie Köln schon sehr zufrieden. Wie gesagt hoffe ich auf den Erfolg von Systemen wie Flinc, sodass man noch mehr als bisher Mitfahrgelegenheiten anbieten und nutzen kann, auch für kurze und mittel-lange Strecken. Bleibt noch die Frage, wie man all diese Möglichkeiten miteinander verbinden kann, etwa in Sachen Planung und Bezahlung. Wäre es nicht praktisch, wenn man von A nach B fährt, dabei verschiedene Verkehrsmittel nutzt und am Ende auf seinem Smartphone auf einen Knopf drückt “Bezahlen”?

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Freiheit führt zu Unzufriedenheit

Der Psychologe Bas Kast plädiert für feste Bindungen wie Familie und Partnerschaften. Sie würden die persönlichen Entscheidungsoptionen einschränken – und damit die Zufriedenheit steigern.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „bild der wissenschaft“ ist ein Interview mit dem Psychologen und Buchautor Bas Kast zu lesen. Er erzählt darüber, dass mehr Freiheit nicht unbedingt glücklicher macht – wegen der Qual der Wahl. Sein Beispiel: In einer Eisdiele mit drei verschiedenen Eissorten wählt man zwei, isst sie, ist glücklich. In einer Eisdiele mit 200 verschiedenen Eissorten kann man 198 nicht essen – und erntet damit das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Ich musste lachen, als ich das las. Weil ich ziemlich genau diese Situation einmal erlebt habe.

Ich war mit Freunden in Frankreich im Urlaub. Eine von ihnen wollte ein Eis, ging in die Eisdiele, kam ohne Eis wieder heraus. „Ich konnte mich nicht entscheiden. Und wenn ich mich entschieden hätte, hätte ich danach immer das Gefühl gehabt, dass die anderen Eissorten vielleicht doch die besseren gewesen wären. Also habe ich lieber keins genommen.“

Ist das nicht verrückt? Eine größere Auswahl führt dazu, dass man lieber gar nichts kauft. Oder nach dem Kauf, um bei diesem Beispiel zu bleiben, mit der Entscheidung unglücklich ist. (Man spricht auch von "Kaufreue".)

Ich kenne dieses Problem auch, in erster Linie bei technischen Geräten, die mit verschiedenen Eigenschaften ausgestattet sind. Welche Eigeschaften ich brauche, kann ich noch relativ leicht entscheiden. Welche Kombination verschiedener Eigenschaften (und meistens gibt es kein Gerät, dass alle gewollten Eigenschaft perfekt vereint) die passendste für mich ist – da tue ich mich schwer.

Um diesem Dilemma wenigstens ein wenig zu entkommen, habe ich für mich beschlossen, jede Entscheidung, die ich treffe, per se erstmal gut zu finden. Das führt mitunter dazu, dass Entscheidungsprozesse bei mir ziemlich lange dauern, weil ich vorher weiß, dass ich die Entscheidung dann gut finden muss, will und werde. Wenn ich mich dann aber entschieden habe, ärgere ich mich nicht über potentiell entgangene andere Möglichkeiten – sondern freue mich über das, was ich getan, gekauft, was auch immer gemacht habe.

Freilich gibt es Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch erweisen. Das bekommt man in der Regel aber von ganz alleine mit, auch ohne Grübeln und Zweifeln, ob die andere Entscheidung nicht vielleicht doch die bessere gewesen wäre. Das Grübeln fand im besten Fall ja vor der Entscheidung statt.

Der Psychologe Bas Kast plädiert im größeren Sinne übrigens für feste Bindungen. Freunde, Liebespartner, Kinder, Haustiere – diese Bindungen würden die persönliche Freiheit im Sinne der Entscheidungsoptionen einschränken. Und genau das führe zu einer höheren Zufriedenheit. Die Qual der Wahl ist kleiner geworden.

Bei der Auswahl der richtigen Eissorte kann das aber auch nicht helfen.

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