Journalist gegen ACTA

Wie ich ungewollt eine politische Aussage bei Facebook gemacht habe.

Ich bin kein unpolitischer Mensch, aber als Journalist halte ich mich mit politischen Aussagen in der Öffentlichkeit zurück. Ich bin aus gutem Grund in keiner Partei und habe auch noch nicht verstanden, wie man das als Journalist sein kann. Ich möchte meine Glaubwürdigkeit als unabhängig berichtender Journalist nicht aufs Spiel setzen, gleichwohl muss jedem klar sein, dass auch ein Journalist (mindestens) eine Meinung hat.

Am Wochenende habe ich unabsichtlich eine Meinung zu ACTA geäußert. Seit einiger Zeit ist es bei Facebook so, dass Freunde einen zu Gruppen hinzufügen können, ohne dass man das bestätigen muss. So landete ich in der öffentlichen Gruppe „Journalisten gegen ACTA“. Ich weiß nicht, ob das eine der Gruppen ist, in denen man nur Mitglied ist, um ein Statement zu machen (dafür wäre eigentlich eine Facebook-Seite geeigneter), oder ob dort tatsächlich diskutiert oder Protest organisiert werden soll. Jedenfalls hat mir die überraschende Mitgliedschaft, die mir ein Freund verpasst hat, abverlangt, dass ich mich irgendwie zu dieser Gruppe verhalten muss.

Ich habe mich dafür entschieden, in der Gruppe zu bleiben. Ich kann gegen ACTA sein und trotzdem ausgewogen über ACTA berichten. Denn wenn ich über ACTA berichte, bin ich Journalist. Wenn ich ACTA kritisiere, bin ich Urheber. Diesen inneren Konflikt muss ich aushalten, so wie die ARD es aushalten muss, für ACTA zu sein und gleichzeitig ACTA-kritische Kommentare ("mittelalterlich anmutende Gesetzeskeule") zu senden. Daher sollte die ARD es auch aushalten, einen ACTA-kritischen Urheber weiterhin mit ausgewogener Berichterstattung zu beauftragen. Denn wenn ich die Haltung der ARD und des ZDF zu ACTA kritisiere, dann bin ich als deren Mitarbeiter ein von diesen Sendern einigermaßen abhängiger Urheber. Ich hoffe also, dass Hörer, Redakteure und Chefs unterscheiden können zwischen mir als Journalist, Urheber und Mitarbeiter.

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Die Menschheit befindet sich im kritischsten Entwicklungsgrad einer Zivilisation

Die Menschheit muss den Übergang zu einer globalisierten, toleranten, pluralistischen Welt schaffen, in denen die komplette Energiemenge der Erde genutzt werden kann. Sie wäre dann eine Typ-1-Zivilisation. Der Weg dorthin ist schwer.

Gibt es außer auf der Erde irgendwo da draußen im Universum Leben? Bisher haben wir, die Menschen, keines gefunden. Und bisher wurden wir auch von niemanden gefunden. Und falls doch, haben wir das nicht mitbekommen.

Dass es kein Leben außer den Menschen gibt, ist sehr sehr unwahrscheinlich. Dafür braucht man nur diese eine Zahl: Alleine im sichtbaren Universum gibt es schätzungsweise 70 Trilliarden Sterne. Und noch mehr Planeten. Da wird sich ja wohl einer finden, auf dem Leben entstanden ist. Die physikalischen Grundlagen sind jedenfalls im gesamten Universum dieselben, da sind sich die Wissenschaftler sicher. Es gibt überall Atome, überall die Massenanziehung, Elektromagnetismus und die Gesetze der Quantenphysik - also auch das Potential, dass so etwas wie Lebewesen entstehen kann. Vielleicht ja sogar irgendwelche Lebewesen, die mit Intelligenz, Seele, Kultur ausgestattet sind, oder wie man auch immer den Unterschied zwischen Tier und Mensch bezeichnen will.

Warum aber haben wir keine konkreten Hinweise auf außerirdisches Leben? Es könnte einfach an der Entfernung liegen, die zwischen uns und dem Planeten liegt, auf dem die Außerirdischen leben. Vielleicht gibt es aber noch einen anderen Grund, einen, über den es sich nachzudenken lohnt, einen, der auch uns Menschen betrifft: Vielleicht hat es andere Zivilisationen ja schon gegeben - und nochmal vielleicht haben sie es einfach nicht zum Zivilisationstyp 1 geschafft. Vielleicht sind sie am Zivilisationsentwicklungsgrad 0,7-0,9 gescheitert. Das ist einer der kritischsten Entwicklungsgrade, den eine Zivilisation erreichen kann. Und, Achtung: Genau an diesem Punkt befindet sich die Menschheit auf der Erde im Moment.

Diese Aussage stammt nicht von mir, sondern von Michio Kaku, einem US-amerikanischen Professor für theoretische Physik. Ich kannte ihn nicht, bevor ich dieses Video von ihm gefunden habe, das mich veranlasst hat, diesen Blog-Eintrag zu schreiben. Eine schnelle Recherche brachte mich zu weiteren Videos, in denen er etwas sagt - ich war und bin begeistert. Selten habe ich einen Wissenschaftler so interessant, eloquent und verständlich reden hören, wie Michio Kaku.

Ein Bekannter von mir, der sich gut auskennt im Bereich der Astronomie, sagte mir, Michio Kaku sei "ein guter popularisierender Autor, als Forscher aber nicht sehr herausragend".* Das ist an dieser Stelle aber nicht weiter schlimm, denn was Kaku sagt, hätte auch ein anderer sagen können. Nun hat Kaku es gesagt, also wird er hier als Urheber der folgenden Gedanken genannt.

Laut Kaku befindet sich die Menschheit gerade im Übergang von Zivilisationstyp 0 auf Zivilisationstyp 1. Diese Typen hat nicht er aufgestellt, sondern der russische Astronom Nikolai Kardaschow. Nach ihm benannt ist die Kardaschow-Skala, die die Entwicklungsstufe extraterrestrischer Zivilisationen nach deren Energievebrauch einordnet:

  • Typ 1: Die Zivilisation ist in der Lage, die komplette auf dem eigenen Planten verfügbare Energie zu nutzen.
  • Typ 2: Die Zivilisation ist in der Lage, die komplette Energie des Zentralsterns zu nutzen.
  • Typ 3: Die Zivilisation ist in der Lage, die komplette Energie der Galaxie zu nutzen.

Wie hier in einem Karadschow-Diagramm zu sehen, befindet sich die Menschheit gerade bei Entwicklungsgrad 0,72. Im Jahr 1900 lagen wir noch bei etwa 0,58.

Welche Aussage aber hat dieser Entwicklungsgrad? Wie viel Energie eine Zivilisation nutzt bzw. nutzen kann, ist doch eigentlich egal. Nach Aussage von Michio Kaku nicht. Kaku sagt:

If you are a 0.7 civilization, that means you are about 100 years from attaining Type 1 status. This means we can see evidence of this everywhere we go. The internet is the beginning of a Type 1 telephone system. We’re privileged to be alive to witness the beginning of a telephone system of the next hundred years.

The European Union is the beginning of a Type 1 economy. (...) English will probably be the planetary language, you can go anywhere on the planet Earth and the educated already speak English. (...) We’re seeing the beginning of a planetary culture. Everywhere you go you see rock n’ roll, you see Gucci bags, you see high fashion. (...) You see the beginning of planetary sports, the Olympics, soccer games.

Wenn ich Kaku richtig verstehe, zeichnet sich eine Typ-1-Zivilisation also nicht nur dadurch aus, dass sie sich die komplette verfügbare Energie des eigenen Planeten zunutze macht (und nebenbei auch alle möglichen Naturereignisse wie Vulkanausbrüche und Erdbeben kontrollieren kann). Sie zeichnet sich durch eine generelle Globalisierung aus (die Erde ist, so Kaku, "planetary" geworden). Das Internet (das Telefonsystem einer Typ-1-Zivilisation), eine Weltsprache, eine Weltkultur, eine Weltwirtschaft, weltweite sportliche Wettbewerbe - das alles sind Anzeichen dafür, dass unsere Typ-0-Zivilisation auf dem Weg zur Typ-1-Zivilisation ist.

Aber (Kaku):

Now this doesn’t mean that the transition to Type 1 is going to be easy because there are forces that are opposed to this transition to a planetary civilization. Look at nuclear proliferation. (...) Not only that, but terrorism is fundamentally based on living in a society opposed to Type 1. A Type 1 civilization is scientific, it is pluralistic, it is multi-cultural, it is tolerant because it is global. However, terrorists do not want to live in that society. They would rather live in the year 1000 AD rather than in the next century.

Scientific, pluralistic, multi-cultural, tolerant, global - das wären Eigenschaften einer Typ-1-Zivilisation, die ich mir für unsere Welt wünschen würde. Vielleicht schaffen wir es ja.

Und wenn nicht?

Dann, das sind die Gedanken, die Kaku in einem anderen Video zum selben Thema (so ähnlich zumindest) geäußert hat, dann werden irgendwann Vertreter einer außerirdischen Zivilisation, die sich mittlerweile in Typ 2 oder 3 befinden, die Erde besuchen und eine zerstörte Atmosphäre, zerbombte Landschaften und verseuchte Meere vorfinden. Und sie werden sagen: "Schau her, die haben den Übergang zu Typ 1 nicht geschafft."

 

*Update: Mein Bekannter schrieb mir eben, dass er damit nicht sagen will, dass er Kaku für einen schlechten Wissenschaftler hält.

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Grandioser Technikjournalismus aus den 30er-Jahren

Ein Youtube-Video, das die Funktionsweise eines Differentialgetriebes erklärt, ist über zwei Millionen mal angeschaut worden. Kein Wunder. Es ist ein Paradebeispiel für: Technik einfach erklärt.

Schwer zu glauben, dass sich so viele Menschen für die Funktionsweise eines Differentialgetriebes interessieren. Aber dass das Erklärvideo "How Differential Gear works" über zwei Millionen Mal angeschaut wurde, liegt wohl weniger an der Thematik als vier mehr daran, dass das Video so gut gemacht ist. Und das in einer Zeit, in der der Begriff "Infotainment" wahrscheinlich noch nicht erfunden war.

Die Einführung ist meines Erachtens etwas lang geraten - man kann bei Minute 2:30 einsteigen, ohne etwas zu verpassen. Dann aber wird es großartig. Die weitere Lobesyhymne überlasse ich einem Youtube-Nutzer, der den Kommentar mit den meisten Likes geschrieben hat:

"Absolutely brilliant! This is called explaining, as opposed to dumping a ton of facts on the learner's mind. Notice how the narrator speaks slowly and pauses just long enough for information to sink in, before moving on to the next concept. Notice also how the narration accompanies the visual aid, so they work in concert. Most educators today fail to explain because they assume that you already know what they know. This should be a course for educators!!!"

Der Youtube-Kommentar hat schon einige Punkte erwähnt, die ein Erklärvideo zu einem guten Erklärvideo machen: Der Erzähler spricht langsam, macht Pausen, sodass der Zuschauer die Information verarbeiten kann. Auch nimmt der Sprecher immer Bezug zu dem, was gerade im Bild zu sehen ist.

Das Wichtigste aber: Es folgt ein Schritt nach dem anderen. Man hätte auch ein fertiges Differentialgetriebe zeigen und anhand von allerlei Pfeilen und Bewegungsanimationen die Funktionsweise erklären können. Das aber hätte den Zuschauer nicht dort abgeholt, wo er ist: Bei Wissen Null.

Zwischen Minute 3:45 und 6:00 geht es sehr langsam, es folgt ein kleiner Informationsschritt nach dem anderen - das ganze so abstrakt, dass klar wird, welche Kräfte hier wie wirken. Das Grundprinzip des Differentialgetriebes ist gut erklärt worden. Dass damit aber noch nicht Schluss ist, sondern die Schritte in die praktitsche Umsetzung ebenfalls einzeln und langsam erklärt werden, ist ein lobenswerter Bonus.

Das Video zeigt, wie man es richtig machen kann und nicht machen sollte: Zu schnell zum Ziel kommen. Geht der Zuschauer/-hörer/Leser in einer Informationskette einmal verloren, ist alles verloren.

Und das beste: Das Video ist an keiner Stelle albern oder überladen. Es beschränkt sich auf das Wesentliche.

 

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Smartphones erzwingen neues Tarifsystem

Die jetzt erschienene App "DB Tickets" verdeutlicht einmal mehr, dass der öffentliche Nahverkehr in Deutschland ein neues Tarifsystem braucht.

Die starke Verbreitung von Smartphones zwingen die Bahn und andere Verkehrsunternehmen praktisch zu einer radikalen Reform des Tarifsystems. Laut Beschreibung der DB im App-Store lauten die einzigen Einschränkungen zwar

"Handy-Tickets können für die meisten DB Verbindungen ab 51km gebucht werden. Bitte beachten Sie, dass das 'City-Ticket' nicht für das DB Handy-Ticket angeboten werden kann."

Doch das ist nur die halbe Wahrheit (abgesehen davon, dass den Text nur die eingefleischteste Bahn-Kunden verstehen können). Dass es das City-Ticket – den kostenlosen Nahverkehr-Anschluss am Zielort für die treuen BahnCard-50-Kunden – auf dem Handy nicht gibt, ist aber eigentlich schon Grund genug, ins Nachdenken zu kommen. Warum macht man ausgerechnet diesen Kunden die Nutzung der App madig?

Alles weitere schreibe ich aufgrund des sehr föderalen Tarifsystems aus meiner Perspektive aus Köln, Nordrhein-Westfalen. Hier gibt es etwas sehr fortschrittliches: einen gemeinsamen Tarif für Stadt- und Regionalverkehr. Die NRW-Tickets gelten von Tür zu Tür – für den Bus zum Bahnhof, den Zug quer durch NRW und die U-Bahn zum Ziel-Stadtteil. Klingt einfacher als es ist, denn leider verkaufen die städtischen Verkehrsunternehmen (in Köln die Kölner Verkehrsbetriebe KVB) die Tickets nicht, mit denen man ihre Bahnen benutzen könnte. Es muss schon ein Automat des Verkehrsverbunds oder der Bahn in der Nähe sein, um ein NRW-Ticket zu kaufen. Online geht's auch – aber nur, wenn man einen Drucker hat. Weder die Smartphone-App der Bahn, noch die der Verkehrsverbünde bieten NRW-Tickets an. In NRW kann man die neue Bahn-App daher nur für den Fernverkehr, also ICs und ICEs, gebrauchen.

So sehr die Apps die Nutzung des Nahverkehrs auch vereinfachen – immer wieder stoßen sie an die Grenzen des Tarifsystems. Dass man mehrere Apps braucht, um mit Handy-Tickets durchs Land zu fahren, ist symptomatisch.

Mit der App Handy-Ticket Deutschland, ein Gemeinschaftsprodukt mehrerer Verkehrsverbünde, kann ich in Köln und im gesamten Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) Matrixcodes kaufen, die als Fahrschein gelten. Den Papierfahrschein einfach aufs Handy zu übertragen funktioniert aber nur bedingt. So gehört es zu den Regeln für ein Einzelticket, dass es 90 Minuten lang gültig ist, Umwege, Rund- und Rückfahrten aber nicht gestattet sind. Bei jedem Ticketkauf weist die App darauf hin. Was bei Papiertickets anhand des Aufdrucks oder des Entwerter-Stempels leicht nachprüfbar ist, ist beim Handy-Ticket überhaupt nicht nachvollziehbar. Kein Kontrolleur weiß, wo der Kunde das Ticket gekauft und seine Fahrt begonnen hat. Eine GPS-Verfolgung oder Handyortung wie bei Touch-and-Travel von der Bahn findet nicht statt.

Vermutlich aus genau diesem Grund lassen sich Kurzstreckentickets gar nicht erst mit der App kaufen. Diese verhältnismäßig günstigen Fahrkarten (1,80 Euro) sind für eine Entfernung von bis zu vier Stationen gültig. Wo der Kunde eingestiegen ist, ist also ganz entscheidend.

Bei Tagestickets hat der VRS wiederum ein Schlupfloch im Tarifsystem offen gelassen. So können Smartphone-Nutzer anders als Automaten-Kunden beispielsweise ein Tagesticket für Brühl und Umgebung kaufen, obwohl sie sich in Köln befinden. Sie haben damit einen gültigen Fahrschein für eine Hin- und Rückfahrt über Brühl nach Bonn und sparen so einige Euro.

Bestimmt gibt es einige weitere denkbare Missbrauchsgelegenheiten. Ich will hier niemanden dazu anstiften, sondern aufzeigen, warum das auf Papiertickets und Entwerteraufdrucke optimierte Tarifsystem nicht zum Smartphone-Zeitalter passt. Wenn man davon ausgeht, dass immer mehr Kunden ihre Fahrscheine lieber komfortabel am Smartphone statt an kompliziert zu bedienenden Automaten oder online mit Ausdruckpflicht kaufen wollen, müssen die Tarifsysteme unweigerlich angepasst werden. Es wird Zeit für Tarife, die gleichzeitig smartphonegerecht sind und die Nutzer und Kunden weder durch Einschränkungen auf bestimmte Regionen oder Strecken, noch durch Überwachung gängeln.

Vielleicht checken wir ja tatsächlich in naher Zukunft einfach nur noch per Foursquare oder Facebook im Bahnhof oder im Zug ein, um ein gültiges Ticket zu erwerben. Auch Lösungen mit NFC-Funkchips im Handy zeichnen sich ab. Technische Lösungen für den bequemen Ticketkauf sind vorhanden. Die Revolution muss bei den Papier-Fahrscheinen und den mit ihnen etablierten Tarifsystemen erfolgen.

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#OpBlitzkrieg und Nazi-Leaks: “Kein Respekt vor den Grundwerten” (Update)

Die Aussteiger-Initiative EXIT hält die Aktionen von Anonymous für das falsche Mittel im Kampf gegen Rechts.

In der Webschau bei DRadio Wissen habe ich heute über die Aktionen von Anonymous gegen Nazis berichtet. Hier will ich das Thema fortführen. In der Sendung ging es auch darum, dass #OpBlitzkrieg und nazi-leaks.net offenbar innerhalb von Anonymous umstritten sind.

Diese Aktion ist aber selbst unter den Anons stark umstritten, weil damit die Meinungsfreiheit beschnitten bzw. Kommunikation verhindert wird. Deshalb sind politische Parteien auch kein Ziel von #opBlitzkrieg.

So hieß es von Anonymous im Mai 2011 und heute werden NPD-Server angegriffen. Man kann also davon ausgehen, dass die Operation intern weiterhin umstritten ist. Aber wie sieht es außerhalb von Anonymous aus?

Am provokativen Namen der Aktion wird nur wenig Kritik geäußert, etwa von @FreakkearF:

Wie blöd ist bitte die Idee, eine Antinazi-Aktion #OpBlitzkrieg zu nennen?

Online-Medien kritisieren vor allem nazi-leaks.net: Diverse Medien merken an, dass sie die Informationen dort nicht verifizieren konnten. Spiegel Online berichtet mit am umfassendsten und hebt vor allem hervor, dass Nazi-Leaks eine Pranger-Funktion erfüllt.

Von Menschen, die wissen, wie man mit Rechten umgeht, habe ich bisher keine Stellungnahme finden können. Daher habe ich bei EXIT-Deutschland nachgefragt, einer Initiative, die Nazis beim Ausstieg aus der Szene hilft.

Die Aktivitäten sind rechtswidrig. Das ist nicht nur eine rechtliche Feststellung sondern hat auch mit dem Respekt vor den Grundwerten zu tun.

sagt Bernd Wagner von EXIT. Noch dazu seien die Informationen von Nazi-Leaks nicht verwertbar. Völlig undokumentiert stehen sie im Netz, weder ihre Quelle, noch ihr Kontext ist ersichtlich. Das hat in den vergangenen Tagen bereits zu Verwirrung geführt. Die Namensliste unter dem Titel "Junge Freiheit" wurde für eine Abonnentenliste der Zeitung gehalten, tatsächlich handelt es sich wohl um eine Autorenliste.

Ich frage mich außerdem, wie Anonymous mit der Leaks-Seite Vertrauen bei Whistleblowern aufbauen will. Derzeit werden diese aufgefordert, sich per Mail oder Twitter zu melden. Wie die Informanten geschützt werden, ist vollkommen offen. Nicht einmal einen öffentlichen Schlüssel für den Austausch verschlüsselter Mails konnte ich auf der Seite entdecken. Bei EXIT weiß man, wie man Aussteiger vor ihren ehemaligen Kameraden schützt. Ob Anonymous auch einen Plan hat, um seine Whistleblower zu schützen? Es entsteht der Verdacht, dass die DDOS-Angriffe nur eine PR-Aktion für ein halbherzig aufgesetztes Leaks-Blog sind.

Update 17:00 Uhr

So langsam kommen dann doch kritische Tweets und Texte.

 

Disclaimer: Ich möchte unter diesem Artikel nochmal gesondert darauf hinweisen, dass ich mir die Inhalte der verlinkten Seiten nicht zu eigen mache. Das sollte eigentlich schon daran zu erkennen sein, dass die Links zu Seiten der verschiedensten Lager führen. Sie haben dokumentarischen Wert und dienen Lesern zur eigenen vertiefenden Recherche.

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Es gibt keine Medienhetzjagd auf den Bundespräsidenten

Medien und Blogger berichten über den Bundespräsidenten und seinen Kredit. Andere Medien und Blogger kritisieren sie dafür. Zu unrecht.

Seit über die sogenannte Kredit-Affäre des Bundespräsidenten Christian Wulff berichtet wird, werden auch Stimmen laut, die den Medien Hetze vorwerfen: Sie würden "eine Sau durch's Dorf treiben".

Viel verlinkt und kommentiert wurde der Artikel von Wolfgang Michal "Über die moralische Radikalisierung der Öffentlichkeit". Darin sieht er einen "sichtbare[n] Trend zum moralischen Rigorismus“ sowie eine Konkurrenz der Leitmedien „mit der 'Meute' um die größtmögliche moralische Empörung“.

Magda schreibt in der Freitag-Community:

„Die Tatsache, dass Skandale, Fehlverhalten Vorteilsnahmen aufgedeckt wurden sagt nichts aus über das tatsächliche Ausmaß an skandalösen Entscheidungen, Verhalten und Missachtung demokratischer Tugenden. Gar nichts.“

Ähnlich sehen das ein Leser hier, ein Hörer hier und ein Kommentator hier.

Das Hauptargument, das der Kritik zugrunde liegt, lautet: Es sind die Medien, die aus einem Vorgang eine Affäre machen, aus dem keine Affäre gemacht werden dürfte. Es ist die Willkür der Medien, die darüber entscheidet, welche Handlungen eines Politikers zur "Affäre" oder zum "Skandal" gemacht werden und welche nicht. Jan Fleischhauer hat in seiner Spiegel-Online-Kolumne "Der schwarze Kanal" davor gewarnt, die Moral als Bewertungsmaßstab anzuwenden, denn es gäbe keine objektiv gültigen Kriterien, Moral sei immer Willkür.

Dieser Argumentation kann ich folgen. Doch ich sehe bei aller, oft berechtigten Medienkritik, einen Widerspruch:

Denn nicht nur die Kritik an Politikern ist willkürlich – dem einen wird die Dienstwagenaffäre verziehen, dem anderen nicht. Auch die jetzt häufig hervorgebrachte Medienkritik ist willkürlich. Denn wie will man objektiv entscheiden, wann eine Berichterstattung angemessen ist und wann nicht? Warum handeln die Medien im Fall zu Guttenberg richtig, wenn sie darüber berichten, dass er seine Doktorarbeit größtenteils abgeschrieben hat, im Fall Wulff dagegen nicht, wenn sie darüber berichten, dass er eventuell Dienstliches und Privates nicht so sauber getrennt hat, wie man es von einem Ministerpräsidenten erwarten sollte?

Wann ist eine private Verfehlung schädlich für das öffentliche Amt, wann nicht? Es sind dies immer moralische Bewertungen, für die es keine allgemeingültigen Kriterien gibt, die man auf Einhaltung bzw. Verstoß hin überprüfen könnte. Die Kritik, die Medien würden eine unberechtigte Hetzjagd auf Wulff führen, beinhaltet schon eine Bewertung der Handlungen des Bundespräsidenten – sie werden als irrelevant angesehen. Nun variiert das moralische Empfinden der Menschen, von daher ist es zulässig, Wulffs Handlungen zu kritisieren. Und deshalb dürfen sich auch die Medien kritisch äußern.

Die Meinungen, die aktuell geäußert werden (s.o.), sollten daher nicht lauten "Die Medien veranstalten eine Hetzjagd", sondern: "Dem Bundespräsidenten ist nichts vorzuwerfen".

Die Debatte, die derzeit um Christian Wullf geführt wird, sehe ich als normale Debatte darum an, welche Vorgänge wir in unserer Gesellschaft akzeptieren wollen und welche nicht. Dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung das anders sieht als die TAZ, ist auch keine Überraschung.

Gut, dass die Meinungen auseinander gehen – und dass das Internet sie so leicht zugänglich macht wie nie zuvor.

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Schlag den Ökospießer

Fernsehen dient ja auch zur Entspannung, manchmal bewirkt es aber auch das Gegenteil. Ein Beispiel. 

Bin ich schon so schrecklich konditioniert auf die Schonung unserer Umwelt, dass ich nicht einmal mehr beim Fernsehprogramm mein Ökogewissen ausschalten kann? Es ist wohl so: Samstag Abend, irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr, Pro7 – „Schlag den Raab“. Ich zappe gerade ins Programm, als Stefan Raab und sein Gegner Oliver im fünften Spiel des Abends Autos umparken müssen.

Jeder muss zehn durchnummerierte Autos auf zehn durchnummerierte Parkplätze stellen. Parkplätze und Autos sind durcheinander, ein elfter Parkplatz dient als Zwischenparkstation. Das Spiel ist lustig, weil Raab schnell aus der Puste ist von der ewigen Hin-und-her-Rennerei zwischen den Autos/Parkplätzen. Aber im Hinterkopf klopft das Ökogewissen schon: Muss das sein? Bei 20 Autos ungezählte Male Motoren Anlassen, kurz Gas geben, abstellen – das ist doch nicht gut für die Umwelt. Fast eine Viertelstunde geht das so. Hätte man nicht wenigstens Elektroautos nehmen können? Naja, dachte ich mir noch, als das Spiel vorbei war, es gibt sinnlosere Fahrereien: Die große TV Total Stock Car Crash Challenge etwa oder die Autoball-Weltmeisterschaft. Kinder, Tiere und Autos sind halt die Stützen im deutschen Unterhaltungsfernsehen. 

Und dann kam schon das nächste Spiel, Spiel Nummer 6: Raab und Oliver sollten Bäume fällen. Das ist nur folgerichtig: Erst wird das CO2 aus den Auspüffen geblasen und dann werden von jedem Kandidaten auch noch sinnlos zehn Nadelbäume mit der Axt umgehackt, die das Treibhausgas hätten verwerten können. Ich weiß nicht, ob es außer mir noch jemandem so ging – aber ich fand das so offensichtlich zynisch und frech, dass ich fast nicht an einen unbewussten Verstoß der Redaktion gegen die Gebote der umweltpolitischen Korrektheit glauben kann. Vielleicht bin ich aber auch nur humorlos oder eben ein Ökospießer. Kandidat Oliver hat an dem Abend übrigens kein Spiel gewonnen und 0:66 gegen Raab verloren. Das fand ich dann wieder lustig. Applaus!

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iTunes Match: Der Irrglaube von der Legalisierung

iTunes Match gleicht seit heute auch deutsche Musiksammlungen mit Apple Servern ab. Legal wird eine zusammengesharte Musiksammlung dadurch nicht.

Screenshot express.de
Screenshot express.de

Viele haben sehnsüchtig auf iTunes Match gewartet, weil sie sich davon eine Legalisierung ihrer illegal zusammengetragenen Sammlung versprechen. Doch das bleibt ein Traum. Wie schreibt Apple so schön:

Sie erklären sich hiermit einverstanden, iTunes Match nur für rechtmäßig erworbene Inhalte zu gebrauchen. Jeglicher Gebrauch für unrechtmäßige Inhalte verletzt die Rechte anderer und kann Sie zivilrechtlichen und strafrechtlichen Strafen aussetzen, einschließlich möglichen Schadensersatzansprüchen bei Urheberrechtsverletzungen.

So steht es in den Bedingungen des iTunes Store, über den der Kauf des Abos abgewickelt wird. Jeder iTunes-Match-Kunde hat diesen Bedingungen zugestimmt.

Deutlicher als die Apple-Juristen hat das Blog medien-gerecht auf die nicht stattfindende Legalisierung hingewiesen. Dort wird über die Nutzungsrechte argumentiert, die man an einem Song hat – oder auch nicht.

Diese hat der Nutzer beim ursprünglichen Kauf vom Urheber bzw. Rechteinhaber bekommen. In Deutschland darf der Nutzer im privaten Gebrauch die Musikstücke dann auch auf Grundlage der Privatkopie nach § 53 UrhG kopieren und so neben dem Silberling auch auf dem PC, dem iPhone oder dem iPad hören. Ein neues Nutzungsrecht ist Nutzerseitig also nicht nötig. Aus diesem Grund findet auch durch iTunes Match keine “Legalisierung” statt. Raubkopien bleiben auch mit iTunes Match Raubkopien. Raubkopien, die Apple mit iTunes Match an eine identifizierbare Apple-ID verbindet (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.).

Dieser Eintrag ist vom Juni 2011. Trotzdem wird auch heute an prominenten ("Frühere Missetaten werden durch die Jahresgebühr 'gesühnt' – sprich: legalisiert.") und prominentesten ("plötzlich ist alles legal") Stellen verkündet, iTunes Match legalisiere bis dato Illegales.

(Werbeblock: Mein DRadio-Wissen-Beitrag über iTunes Match und dessen Konkurrenten)

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Was rettet die Wissenswerte – Geld oder Kreativität?

Das wichtigste Thema dieser Konferenz war die Konferenz selbst: War das die letzte WissensWerte?

Die Initiative Wissenschaftsjournalismus, in der die WissensWerte geboren und zum größten deutschen Fachjournalisten-Kongress aufgebaut wurde, wird wie geplant von den bisherigen Financiers nicht weiter unterstützt. Das Projekt endet am 31. März und derzeit ist nicht in Sicht, wie eine Fortführung der einzelnen Module finanziert werden könnte. Damit ist auch die Zukunft der WissensWerte fraglich.

In den vielen Diskussionen, die ich auf der WissensWerte (21.-23.11.2011) wahrgenommen und an denen ich teilgenommen habe, tauchte zuallererst immer die Frage nach dem Geld auf. Das ist es, was fehlt. Auch bei der lobenswerten Initiative Pro WissensWerte habe ich den Eindruck, dass es vor allem ums Geld geht.

Unterschreiben Sie (...) – als Ansporn, damit sich auch künftig Sponsoren und neue (alte?) Organisatoren finden, die sich mit Herzblut für dieses Projekt einsetzen.

Die Unterstützer sind zwar auch aufgefordert, Kommentare abzugeben - aber nur dazu, warum die WissensWerte fortbestehen sollte, nicht wie. Selten nur wird darüber nachgedacht, das ohne Frage erfolgreiche Konzept der WissensWerte zu überdenken. Wie kann man einen solchen Branchentreff so umorganisieren, dass er seinen Wert für die Besucher möglichst behält, aber im organisatorischen Aufwand eingedampft und damit günstiger wird?

Leider wurde in diesem Jahr die Chance verpasst, die Teilnehmer zu fragen, wie sie sich die Zukunft des Kongresses vorstellen. In der Teilnehmerbefragung wurde nur gefragt, welche Themen im nächsten Jahr auf dem Programm stehen sollten - ganz als wäre es vollkommen klar, dass es eine WissensWerte 2012 geben wird. Die Ergebnisse der vergangenen Teilnehmerbefragungen machten klar, was eigentlich der Wert der Wissenswerte ist: Treffen und Kennenlernen von und Austausch mit Kollegen steht immer ganz oben bei den Gründen für einen Besuch in Bremen (wie ich vernommen habe, es ist leider kein Dokument dazu zu finden). Muss sich ein solches Kennenlern- und Austauschtreffen nicht effizienter organisieren lassen?

Typischer Barcamp-Übersichtsplan<br />
(Foto: Chris Radcliff / Flickr [CC BY-SA 2.0])
Typischer Barcamp-Übersichtsplan
(Foto: Chris Radcliff / Flickr [CC BY-SA 2.0])

Wie man Kongresse mit geringen Mitteln organisiert, hat die Web-2.0-Community gezeigt. Dort entstand das Konzept der Barcamps, so genannter Unkonferenzen. Die Vorab-Organisation beschränkt sich dabei im Wesentlichen auf Räumlichkeiten, Sponsoren und Essen sowie den Anmeldeprozess. Das Programm gestalten die Teilnehmer selbst, jeder ist angehalten, etwas beizusteuern: In einem Wiki tauschen sie vor der Konferenz mögliche Themen aus. Zu Beginn des ersten Konferenztags stellt jeder das Thema seiner Session kurz vor und schreibt es in ein freies Feld des Stunden- und Raumplans.

Nun wird an der WissensWerte vielfach auch das Programm-Komitee gelobt. Diese sinnvolle Einrichtung hat ihre Berechtigung und garantiert für eine gute Themenauswahl. Die Offenheit eines Barcamps wäre aber vielleicht eine gute Ergänzung. Beim DJV und beim SWR gibt es bereits gute Erfahrungen mit „geplanten Barcamps“. Auch das Journalisten-Netzwerk Jonet hat ein mehr als sonst üblich vorgeplantes Journalisten-Barcamp organisiert.

Vollkommen unsortiert und unreflektiert möchte ich ein paar Vorschläge auflisten, die ich teilweise aufgeschnappt, teilweise selbst ergrübelt habe, und die die WissensWerte retten könnten:

  • Räumlichkeiten
    Hochschulen und Forschungszentren würden sich bestimmt über den Besuch von 500 Wissenschaftsjournalisten freuen und Räume zur Verfügung stellen
  • Workshop-Programm
    In der WPK wird die Idee einer WPK-Jahrestagung diskutiert. Heißt: WPK-Workshops statt übers Jahr verteilt auf eine Jahrestagung konzentriert.
  • Konferenz-Programm
    Weniger Organisation ist mehr? Wer ein Thema hat, kann dies auch kurzfristig auf die Agenda setzen.
  • Organisation
    Wissenswerte und Forum Wissenschaftskommunikation haben eine große Schnittmenge. Durch die Organisation einer gemeinsamen Konferenz ließe sich viel Aufwand sparen. Einigen Blogposts zufolge gibt es beim Forum auch Veränderungsbedarf. Die unabhängige journalistische Programmplanung der WissensWerte muss dabei erhalten bleiben.
  • Eigeninitiative
    Der große Haken am Barcamp-Konzept: Es erfordert mehr Engagement der Teilnehmer. Aber ist das zuviel verlangt, wenn ihnen die Veranstaltung so wichtig ist? Dann muss man doch mehr verlangen können als eine (nochmal: lobenswerte) Unterschrift bei Pro WissensWerte. Die drei Macher dieser Initiative, Nicola Kuhrt, Cornelia Reichert und Cinthia Briseño, haben ihre Eigeninitiative bewiesen, kann man sie nicht auch von den übrigen WissensWerte-Fans erwarten?

Und dann argumentiere ich doch noch mal über das Thema Geld: Es muss doch möglich sein, eine Konferenz, für die sich mehr als 500 Menschen bis zu drei Tage frei nehmen und zum Großteil auch über 100 Euro bezahlen, am Leben zu halten!

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Smartphones für eine bessere Welt

Wer das Wachstumsprinzip, die Schnelligkeit und die Unfairness der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht mag, muss Smartphones hassen. Sie werden unter katastrophalen Arbeitsbedingungen produziert und sorgen dafür, dass sich Menschen durch ständige Updates ablenken und den Blick für das wirklich Wichtige verlieren. Aber doch können Smartphones so nützlich sein für die Welt.

In der gedruckten ZEIT vom 8. Dezember ist ein lesenswerter Artikel über Menschen erschienen (hier online), die versuchen, sich aus dem kapitalistischen Immer-Mehr-Wirtschaftskreislauf zu befreien.

Kurz: Es gibt Gemeinschaften in den verschiedensten Konstellationen, die sich auf verschiedensten Wegen zusammenfinden und im Kleinen ein System zu etablieren versuchen, das einigen als nicht veränderbar geltenden Umständen der freien Marktwirtschaft widerstrebt. Wie gesagt: Lesenswert.

Eingehen möchte ich weniger auf diesen Artikel als vielmehr auf zwei Kommentare von Zeit-Online-Lesern. Der User „MaxData“ schreibt:

„bei uns an der uni im asta schimpfen auch alle gegen den kapitalismus und den konsum, viele kaufen sich aber iphones für über 600 euro. naja ich hols mir auch nächste woche ^^“

Darauf antwortet „cagy“:

"'Buhbuh' aus der einen Ecke, aber dann doch bitte was neue, funkelndes in den Händen - man ist ja schon immerhin Student...die alternative Elite. So kommt mir es vor. Ich kriege regelmäßig Würgekomplexe, wenn ich durch die Uni laufe und anstatt in Gesichter nur Stirnpartien zu sehen bekomme, die das Licht des Handydisplays reflektieren. Und mit "Handy" tritt man denen auch noch auf den Schlips - es sei ja schließlich ein Smartphone und die Zeit solle man sich doch bitte nehmen. Genug von diesem Phänomen."

Ja, auch ich finde Smartphones eigentlich grässlich. Sie sind meines Erachtens ein Ausdruck der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, in der man immer und überall online sein muss, um in sozialen Netzwerken die neuesten News zu posten und seine Mails und Konto- und Depotumsätze dauerhaft verwalten zu können. Sie sind Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Lieber mit dem Smartphone rumspielen und zum zehnten Mal am Tag prüfen, ob sich irgendetwas geändert hat, anstatt einfach mal still zu sitzen und über sein Leben nachzudenken.

Smartphones verhindern den Blick aufs Große Ganze. Smartphones sind schrecklich. Einerseits.

Andererseits sind sie, richtig eingesetzt, furchtbar nützlich:

Smartphones schonen die Ressourcen auf der Erde.
Smartphones machen den Verbraucher mündig.
Smartphones machen die Welt besser.

  • Die Apps von Mitfahrgelegenheit.de und Flinc und Car2gether bringen Menschen zusammen, die gemeinsam von A nach B fahren.
  • Die Apps der Bahn und verschiedener lokaler Verkehrsbetriebe zum Nachschlagen der Verbindungen und zum bequemen Kaufen von Tickets macht die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel attraktiv und einfach.
  • Die Apps der Car- und Bike-Sharing-Anbieter ermöglichen das einfache und kurzfristige Mieten von Autos und Fahrrädern. Das alles schont die Umwelt und verhindert wahrscheinlich sogar den ein oder anderen Autokauf.
  • Die Apps sozialer Netzwerke wie Facebook, Google+ (sowie leider nie sonderlich erfolgreich gewordener, speziell dafür konstruierter Netzwerke wie Frents) ermöglichen das (Ver-)Leihen von Gegenständen/Konsumgütern. => „Kann mir jemand für morgen seine Bohrmaschine leihen?“
  • Die App von codecheck.info liefert dem Verbraucher mehr Informationen über ein Produkt als er auf der Verpackung im Supermarkt findet.
  • Die Greenpeace-Fischführer-App zeigt an, welche Fischarten besonders gefährdet sind und welche (noch) bedenkenlos gegessen werden können.
  • Die EcoChallenge-App unterstützt den Versuch eines komplett nachhaltigen Lebensstils in Form eines Wettbewerbs.
  • Die Erntefrisch-App zeigt an, wann wo welches Gemüse gerade Saison hat.

Die meisten dieser Funktionen sind natürlich auch ohne Smartphone, an einem lokalen PC nutzbar. Doch vieles ist unterwegs sehr viel nützlicher als zu Hause oder im Büro.

Auch ich habe inzwischen ein (gebrauchtes) Smartphone und viele dieser Apps installiert. Ich finde sie sehr praktisch, und ich glaube, dass sie mich im Versuch unterstützen, möglichst umweltschonend und fair zu leben. Meine E-Mails und Kontostände rufe ich mit meinem Smartphone nicht ab. Ich brauche auch mal Pause.

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