Es gibt keine Medienhetzjagd auf den Bundespräsidenten
Medien und Blogger berichten über den Bundespräsidenten und seinen Kredit. Andere Medien und Blogger kritisieren sie dafür. Zu unrecht.
Seit über die sogenannte Kredit-Affäre des Bundespräsidenten Christian Wulff berichtet wird, werden auch Stimmen laut, die den Medien Hetze vorwerfen: Sie würden "eine Sau durch's Dorf treiben".
Viel verlinkt und kommentiert wurde der Artikel von Wolfgang Michal "Über die moralische Radikalisierung der Öffentlichkeit". Darin sieht er einen "sichtbare[n] Trend zum moralischen Rigorismus“ sowie eine Konkurrenz der Leitmedien „mit der 'Meute' um die größtmögliche moralische Empörung“.
Magda schreibt in der Freitag-Community:
„Die Tatsache, dass Skandale, Fehlverhalten Vorteilsnahmen aufgedeckt wurden sagt nichts aus über das tatsächliche Ausmaß an skandalösen Entscheidungen, Verhalten und Missachtung demokratischer Tugenden. Gar nichts.“
Ähnlich sehen das ein Leser hier, ein Hörer hier und ein Kommentator hier.
Das Hauptargument, das der Kritik zugrunde liegt, lautet: Es sind die Medien, die aus einem Vorgang eine Affäre machen, aus dem keine Affäre gemacht werden dürfte. Es ist die Willkür der Medien, die darüber entscheidet, welche Handlungen eines Politikers zur "Affäre" oder zum "Skandal" gemacht werden und welche nicht. Jan Fleischhauer hat in seiner Spiegel-Online-Kolumne "Der schwarze Kanal" davor gewarnt, die Moral als Bewertungsmaßstab anzuwenden, denn es gäbe keine objektiv gültigen Kriterien, Moral sei immer Willkür.
Dieser Argumentation kann ich folgen. Doch ich sehe bei aller, oft berechtigten Medienkritik, einen Widerspruch:
Denn nicht nur die Kritik an Politikern ist willkürlich – dem einen wird die Dienstwagenaffäre verziehen, dem anderen nicht. Auch die jetzt häufig hervorgebrachte Medienkritik ist willkürlich. Denn wie will man objektiv entscheiden, wann eine Berichterstattung angemessen ist und wann nicht? Warum handeln die Medien im Fall zu Guttenberg richtig, wenn sie darüber berichten, dass er seine Doktorarbeit größtenteils abgeschrieben hat, im Fall Wulff dagegen nicht, wenn sie darüber berichten, dass er eventuell Dienstliches und Privates nicht so sauber getrennt hat, wie man es von einem Ministerpräsidenten erwarten sollte?
Wann ist eine private Verfehlung schädlich für das öffentliche Amt, wann nicht? Es sind dies immer moralische Bewertungen, für die es keine allgemeingültigen Kriterien gibt, die man auf Einhaltung bzw. Verstoß hin überprüfen könnte. Die Kritik, die Medien würden eine unberechtigte Hetzjagd auf Wulff führen, beinhaltet schon eine Bewertung der Handlungen des Bundespräsidenten – sie werden als irrelevant angesehen. Nun variiert das moralische Empfinden der Menschen, von daher ist es zulässig, Wulffs Handlungen zu kritisieren. Und deshalb dürfen sich auch die Medien kritisch äußern.
Die Meinungen, die aktuell geäußert werden (s.o.), sollten daher nicht lauten "Die Medien veranstalten eine Hetzjagd", sondern: "Dem Bundespräsidenten ist nichts vorzuwerfen".
Die Debatte, die derzeit um Christian Wullf geführt wird, sehe ich als normale Debatte darum an, welche Vorgänge wir in unserer Gesellschaft akzeptieren wollen und welche nicht. Dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung das anders sieht als die TAZ, ist auch keine Überraschung.
Gut, dass die Meinungen auseinander gehen – und dass das Internet sie so leicht zugänglich macht wie nie zuvor.
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