iTunes Match: Der Irrglaube von der Legalisierung

iTunes Match gleicht seit heute auch deutsche Musiksammlungen mit Apple Servern ab. Legal wird eine zusammengesharte Musiksammlung dadurch nicht.

Screenshot express.de
Screenshot express.de

Viele haben sehnsüchtig auf iTunes Match gewartet, weil sie sich davon eine Legalisierung ihrer illegal zusammengetragenen Sammlung versprechen. Doch das bleibt ein Traum. Wie schreibt Apple so schön:

Sie erklären sich hiermit einverstanden, iTunes Match nur für rechtmäßig erworbene Inhalte zu gebrauchen. Jeglicher Gebrauch für unrechtmäßige Inhalte verletzt die Rechte anderer und kann Sie zivilrechtlichen und strafrechtlichen Strafen aussetzen, einschließlich möglichen Schadensersatzansprüchen bei Urheberrechtsverletzungen.

So steht es in den Bedingungen des iTunes Store, über den der Kauf des Abos abgewickelt wird. Jeder iTunes-Match-Kunde hat diesen Bedingungen zugestimmt.

Deutlicher als die Apple-Juristen hat das Blog medien-gerecht auf die nicht stattfindende Legalisierung hingewiesen. Dort wird über die Nutzungsrechte argumentiert, die man an einem Song hat – oder auch nicht.

Diese hat der Nutzer beim ursprünglichen Kauf vom Urheber bzw. Rechteinhaber bekommen. In Deutschland darf der Nutzer im privaten Gebrauch die Musikstücke dann auch auf Grundlage der Privatkopie nach § 53 UrhG kopieren und so neben dem Silberling auch auf dem PC, dem iPhone oder dem iPad hören. Ein neues Nutzungsrecht ist Nutzerseitig also nicht nötig. Aus diesem Grund findet auch durch iTunes Match keine “Legalisierung” statt. Raubkopien bleiben auch mit iTunes Match Raubkopien. Raubkopien, die Apple mit iTunes Match an eine identifizierbare Apple-ID verbindet (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.).

Dieser Eintrag ist vom Juni 2011. Trotzdem wird auch heute an prominenten ("Frühere Missetaten werden durch die Jahresgebühr 'gesühnt' – sprich: legalisiert.") und prominentesten ("plötzlich ist alles legal") Stellen verkündet, iTunes Match legalisiere bis dato Illegales.

(Werbeblock: Mein DRadio-Wissen-Beitrag über iTunes Match und dessen Konkurrenten)

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Was rettet die Wissenswerte – Geld oder Kreativität?

Das wichtigste Thema dieser Konferenz war die Konferenz selbst: War das die letzte WissensWerte?

Die Initiative Wissenschaftsjournalismus, in der die WissensWerte geboren und zum größten deutschen Fachjournalisten-Kongress aufgebaut wurde, wird wie geplant von den bisherigen Financiers nicht weiter unterstützt. Das Projekt endet am 31. März und derzeit ist nicht in Sicht, wie eine Fortführung der einzelnen Module finanziert werden könnte. Damit ist auch die Zukunft der WissensWerte fraglich.

In den vielen Diskussionen, die ich auf der WissensWerte (21.-23.11.2011) wahrgenommen und an denen ich teilgenommen habe, tauchte zuallererst immer die Frage nach dem Geld auf. Das ist es, was fehlt. Auch bei der lobenswerten Initiative Pro WissensWerte habe ich den Eindruck, dass es vor allem ums Geld geht.

Unterschreiben Sie (...) – als Ansporn, damit sich auch künftig Sponsoren und neue (alte?) Organisatoren finden, die sich mit Herzblut für dieses Projekt einsetzen.

Die Unterstützer sind zwar auch aufgefordert, Kommentare abzugeben - aber nur dazu, warum die WissensWerte fortbestehen sollte, nicht wie. Selten nur wird darüber nachgedacht, das ohne Frage erfolgreiche Konzept der WissensWerte zu überdenken. Wie kann man einen solchen Branchentreff so umorganisieren, dass er seinen Wert für die Besucher möglichst behält, aber im organisatorischen Aufwand eingedampft und damit günstiger wird?

Leider wurde in diesem Jahr die Chance verpasst, die Teilnehmer zu fragen, wie sie sich die Zukunft des Kongresses vorstellen. In der Teilnehmerbefragung wurde nur gefragt, welche Themen im nächsten Jahr auf dem Programm stehen sollten - ganz als wäre es vollkommen klar, dass es eine WissensWerte 2012 geben wird. Die Ergebnisse der vergangenen Teilnehmerbefragungen machten klar, was eigentlich der Wert der Wissenswerte ist: Treffen und Kennenlernen von und Austausch mit Kollegen steht immer ganz oben bei den Gründen für einen Besuch in Bremen (wie ich vernommen habe, es ist leider kein Dokument dazu zu finden). Muss sich ein solches Kennenlern- und Austauschtreffen nicht effizienter organisieren lassen?

Typischer Barcamp-Übersichtsplan<br />
(Foto: Chris Radcliff / Flickr [CC BY-SA 2.0])
Typischer Barcamp-Übersichtsplan
(Foto: Chris Radcliff / Flickr [CC BY-SA 2.0])

Wie man Kongresse mit geringen Mitteln organisiert, hat die Web-2.0-Community gezeigt. Dort entstand das Konzept der Barcamps, so genannter Unkonferenzen. Die Vorab-Organisation beschränkt sich dabei im Wesentlichen auf Räumlichkeiten, Sponsoren und Essen sowie den Anmeldeprozess. Das Programm gestalten die Teilnehmer selbst, jeder ist angehalten, etwas beizusteuern: In einem Wiki tauschen sie vor der Konferenz mögliche Themen aus. Zu Beginn des ersten Konferenztags stellt jeder das Thema seiner Session kurz vor und schreibt es in ein freies Feld des Stunden- und Raumplans.

Nun wird an der WissensWerte vielfach auch das Programm-Komitee gelobt. Diese sinnvolle Einrichtung hat ihre Berechtigung und garantiert für eine gute Themenauswahl. Die Offenheit eines Barcamps wäre aber vielleicht eine gute Ergänzung. Beim DJV und beim SWR gibt es bereits gute Erfahrungen mit „geplanten Barcamps“. Auch das Journalisten-Netzwerk Jonet hat ein mehr als sonst üblich vorgeplantes Journalisten-Barcamp organisiert.

Vollkommen unsortiert und unreflektiert möchte ich ein paar Vorschläge auflisten, die ich teilweise aufgeschnappt, teilweise selbst ergrübelt habe, und die die WissensWerte retten könnten:

  • Räumlichkeiten
    Hochschulen und Forschungszentren würden sich bestimmt über den Besuch von 500 Wissenschaftsjournalisten freuen und Räume zur Verfügung stellen
  • Workshop-Programm
    In der WPK wird die Idee einer WPK-Jahrestagung diskutiert. Heißt: WPK-Workshops statt übers Jahr verteilt auf eine Jahrestagung konzentriert.
  • Konferenz-Programm
    Weniger Organisation ist mehr? Wer ein Thema hat, kann dies auch kurzfristig auf die Agenda setzen.
  • Organisation
    Wissenswerte und Forum Wissenschaftskommunikation haben eine große Schnittmenge. Durch die Organisation einer gemeinsamen Konferenz ließe sich viel Aufwand sparen. Einigen Blogposts zufolge gibt es beim Forum auch Veränderungsbedarf. Die unabhängige journalistische Programmplanung der WissensWerte muss dabei erhalten bleiben.
  • Eigeninitiative
    Der große Haken am Barcamp-Konzept: Es erfordert mehr Engagement der Teilnehmer. Aber ist das zuviel verlangt, wenn ihnen die Veranstaltung so wichtig ist? Dann muss man doch mehr verlangen können als eine (nochmal: lobenswerte) Unterschrift bei Pro WissensWerte. Die drei Macher dieser Initiative, Nicola Kuhrt, Cornelia Reichert und Cinthia Briseño, haben ihre Eigeninitiative bewiesen, kann man sie nicht auch von den übrigen WissensWerte-Fans erwarten?

Und dann argumentiere ich doch noch mal über das Thema Geld: Es muss doch möglich sein, eine Konferenz, für die sich mehr als 500 Menschen bis zu drei Tage frei nehmen und zum Großteil auch über 100 Euro bezahlen, am Leben zu halten!

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Smartphones für eine bessere Welt

Wer das Wachstumsprinzip, die Schnelligkeit und die Unfairness der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht mag, muss Smartphones hassen. Sie werden unter katastrophalen Arbeitsbedingungen produziert und sorgen dafür, dass sich Menschen durch ständige Updates ablenken und den Blick für das wirklich Wichtige verlieren. Aber doch können Smartphones so nützlich sein für die Welt.

In der gedruckten ZEIT vom 8. Dezember ist ein lesenswerter Artikel über Menschen erschienen (hier online), die versuchen, sich aus dem kapitalistischen Immer-Mehr-Wirtschaftskreislauf zu befreien.

Kurz: Es gibt Gemeinschaften in den verschiedensten Konstellationen, die sich auf verschiedensten Wegen zusammenfinden und im Kleinen ein System zu etablieren versuchen, das einigen als nicht veränderbar geltenden Umständen der freien Marktwirtschaft widerstrebt. Wie gesagt: Lesenswert.

Eingehen möchte ich weniger auf diesen Artikel als vielmehr auf zwei Kommentare von Zeit-Online-Lesern. Der User „MaxData“ schreibt:

„bei uns an der uni im asta schimpfen auch alle gegen den kapitalismus und den konsum, viele kaufen sich aber iphones für über 600 euro. naja ich hols mir auch nächste woche ^^“

Darauf antwortet „cagy“:

"'Buhbuh' aus der einen Ecke, aber dann doch bitte was neue, funkelndes in den Händen - man ist ja schon immerhin Student...die alternative Elite. So kommt mir es vor. Ich kriege regelmäßig Würgekomplexe, wenn ich durch die Uni laufe und anstatt in Gesichter nur Stirnpartien zu sehen bekomme, die das Licht des Handydisplays reflektieren. Und mit "Handy" tritt man denen auch noch auf den Schlips - es sei ja schließlich ein Smartphone und die Zeit solle man sich doch bitte nehmen. Genug von diesem Phänomen."

Ja, auch ich finde Smartphones eigentlich grässlich. Sie sind meines Erachtens ein Ausdruck der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, in der man immer und überall online sein muss, um in sozialen Netzwerken die neuesten News zu posten und seine Mails und Konto- und Depotumsätze dauerhaft verwalten zu können. Sie sind Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Lieber mit dem Smartphone rumspielen und zum zehnten Mal am Tag prüfen, ob sich irgendetwas geändert hat, anstatt einfach mal still zu sitzen und über sein Leben nachzudenken.

Smartphones verhindern den Blick aufs Große Ganze. Smartphones sind schrecklich. Einerseits.

Andererseits sind sie, richtig eingesetzt, furchtbar nützlich:

Smartphones schonen die Ressourcen auf der Erde.
Smartphones machen den Verbraucher mündig.
Smartphones machen die Welt besser.

  • Die Apps von Mitfahrgelegenheit.de und Flinc und Car2gether bringen Menschen zusammen, die gemeinsam von A nach B fahren.
  • Die Apps der Bahn und verschiedener lokaler Verkehrsbetriebe zum Nachschlagen der Verbindungen und zum bequemen Kaufen von Tickets macht die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel attraktiv und einfach.
  • Die Apps der Car- und Bike-Sharing-Anbieter ermöglichen das einfache und kurzfristige Mieten von Autos und Fahrrädern. Das alles schont die Umwelt und verhindert wahrscheinlich sogar den ein oder anderen Autokauf.
  • Die Apps sozialer Netzwerke wie Facebook, Google+ (sowie leider nie sonderlich erfolgreich gewordener, speziell dafür konstruierter Netzwerke wie Frents) ermöglichen das (Ver-)Leihen von Gegenständen/Konsumgütern. => „Kann mir jemand für morgen seine Bohrmaschine leihen?“
  • Die App von codecheck.info liefert dem Verbraucher mehr Informationen über ein Produkt als er auf der Verpackung im Supermarkt findet.
  • Die Greenpeace-Fischführer-App zeigt an, welche Fischarten besonders gefährdet sind und welche (noch) bedenkenlos gegessen werden können.
  • Die EcoChallenge-App unterstützt den Versuch eines komplett nachhaltigen Lebensstils in Form eines Wettbewerbs.
  • Die Erntefrisch-App zeigt an, wann wo welches Gemüse gerade Saison hat.

Die meisten dieser Funktionen sind natürlich auch ohne Smartphone, an einem lokalen PC nutzbar. Doch vieles ist unterwegs sehr viel nützlicher als zu Hause oder im Büro.

Auch ich habe inzwischen ein (gebrauchtes) Smartphone und viele dieser Apps installiert. Ich finde sie sehr praktisch, und ich glaube, dass sie mich im Versuch unterstützen, möglichst umweltschonend und fair zu leben. Meine E-Mails und Kontostände rufe ich mit meinem Smartphone nicht ab. Ich brauche auch mal Pause.

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Mit Vollgas in die Sackgasse: Den Feldversuch mit Lang-Lkw kann sich Deutschland sparen

Im kommenden Jahr werden vielerorts überlange Lkw die Verkehrswege mit Autos, Radfahrern und Fugängern teilen. Der Feldversuch soll die Alltagstauglichkeit der 44 Tonnen schweren "Ökoliner" zeigen - das Projekt erweist sich jedoch schon im Vorfeld als Fehlversuch.

Das Bundeskabinett hat die Ampel für die Erprobung von Lang-Lkw auf bundesdeutschen Straßen auf Grün gestellt. Im Frühjahr 2012 sollen im Feldversuch Lkw mit einer Länge bis zu 25,25 Metern und einem Maximalgewicht von 44 Tonnen ihre Tauglichkeit im Alltagsverkehr auf öffentlichen Straßen - vor allem Autobahnen - unter Beweis stellen. Vor einigen Jahren waren noch 60-Tonner in der Diskussion, jetzt sollen vier Tonnen mehr Zuladung die Straßen vor dem Logistik-Kollaps retten. Die Gigaliner fahren also doch – mit derselben Überlänge, aber beladen mit 16 Tonnen weniger. Was soll die Übung? Verkehrsminister Ramsauer, CSU, sagt zum Beschluss auf der Website seines Ministeriums:

„Es wird keine 60-Tonner, keine 'Gigaliner' oder 'Monstertrucks' geben. Wo heute drei Lkw pro Tag unterwegs sind, sind es im Feldversuch nur zwei Lang-Lkw. Davon können Automobilzulieferer, die Lebensmittelbranche, Express-, Kurier- und Paketdienste profitieren.“

Das können sie bestimmt. Auch sollen die Lang-Lkw 15 bis 20 Prozent weniger Kraftstoff verbrauchen und entsprechend weniger Kohlendioxid ausstoßen. Doch die Rechnung geht nicht auf: Sollten die Super-Lastwagen Standard werden, drohen hohe Folgekosten und Umweltschäden.

Die abgespeckten Gigaliner werden – anders als die ursprünglich geplanten 60-Tonner – die meisten Brücken in Deutschland risikolos überfahren können. Doch braucht es keinen Feldversuch, um zu erkennen, dass viele Verkehrswege abseits der Autobahnen – schmale Land-und Kreisstraßen sowie vor allem enge Ortsstraßen und Kreisverkehre – nur schwer befahrbar sein werden. Die Kosten für Belastungsprüfungen und notwendige Straßenausbauten tragen dann die Steuerzahler und die Ökobilanz der gerne euphemistisch als "Ökoliner" bezeichneten Fahrzeuge wäre ebenfalls dahin. Für mich gibt es jedoch ein noch schwerwiegenderes Problem: Die Lang-Lkw sind Sicherheitsrisiko. Professor Ulf Zander, vom Institut für Straßenwesen an der Universität Siegen, sagt zu den Manövrierfähigkeiten eines Lang-LKWs in den „VDI nachrichten“ vom 18. November:

„Wer [...] in einen Kreisverkehr bei 6 Uhr rein und bei 3 Uhr wieder raus fährt, kann [beim Herausfahren] schonmal auf die Gegenspur geraten. Viele Linkskurven stellen zudem ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar. In gerade so ausreichend großen Kurven müssen Fahrer schon sehr gut sein, um sie zu schaffen.“

Auch sei das Überholen eines rund 25 Meter langen Lkw bei hohem Tempo problematisch. Abseits der Autobahnen ist es wohl unmöglich: Wer schon mal auf einer Landstraße versucht hat einen konventionellen Sattelzug mit maximal 18,75 Meter länge zu überholen, weiß das. Kritisch sieht Zander auch die Tatsache, dass die defacto Gigaliner schlichtweg über die erlaubten 44 Tonnen hinaus beladen werden könnten:

„Die haben ein enormes Ladevolumen, und wenn man sie beispielsweise mit Rüben schon leidlich vollpackt, ist der Laster schon zu voll.“    

Ein Missbrauch des möglichen Laderaums ist aber in der Breite kaum zu kontrollieren. Zu schwere und falsche Beladung sind aber eine häufige Ursache für Lkw-Unfälle. Vor allem werde der Beladevorgang erwiesenermaßen nicht richtig überwacht, so Zander. Er schlägt vor:

„Es müssten in die LKW Sensoren eingebaut werden, die das Gewicht erfassen.“

Zudem, da sind sich Kritiker und Befürworter einig, braucht es für eine sichere Fahrt erfahrene Fahrer und serienmäßig technische Hilfen wie Spurhalteassistenten, Abstandsregeltempomaten und Notbremsassistenten. Ob diese berechtigten Vorscihtsmaßnahmen jedoch helfen das Vertrauen der Bürger in die Lang-Lkw zu stärken, darf bezweifelt werden. Verkehrsminister Ramsauer sagt zum Feldversuch:

„Dies ist ein lernendes System. Jedes Land ist eingeladen, mitzumachen.“

Viele sind der Einladung bis jetzt nicht gefolgt: Gigaliner wird man nur in acht Bundesländern begegnen – in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen und Bayern. In Sachsen anhalt dürfen allerdings nur nur Autobahnen betestet werden, auch in Hamburg gibt es eingeschränkten Testverkehr.

UPDATE, 13.12.2011

Laut einer Pressemitteilung der SPD-Bundestagsfraktion wollen die SPD gemeinsam mit den Grünen vor dem Bundesverfassunggericht gegen den von der Bundesregierung geplanten Gigaliner-Feldversuch klagen. Der Regierung hätte nicht die nötige Zustimmung von Bundestag und Bundesländern eingeholt. Die Regierung erließ lediglich eine Ausnahmegenehmigung. Ein Rechtsgutachten belege jedoch eindeutig, dass diese Ausnahme-Verordnung nicht ohne die Beteiligung von Bundesrat und Bundestag hätte auf den Weg gebracht werden dürfen. Sie sei deshalb nichtig.

UPDATE, 17.09.2012

Unter der Überschrift "Ja, wo fahren sie denn?" hat die Süddeutsche Zeitung nach neun Monaten versucht ein Zwischenfazit zum auf fünf Jahre angelegten Feldversuch mit Gigalinern zu ziehen. Das Ergebnis: Weil immer mehr Bundesländer aus dem Versuch aussteigen und damit kaum noch zusammenhängende Teststrecken vorhanden sind, steigen auch Spediteure aus dem Test aus. Wer dran teilnimmt berichtet jedoch positives: Dank Gigaliner brauche man weniger Touren zu fahren, das spare Sprit und senke die Transportkosten. Dennoch haben Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg inzwischen Verfassungsklage eingereicht, weil die Lkw unbefugt auf Strecken der Länder unterwegs seien. In Niedersachsen hält die SPD das Projekt weiter für problematisch, weil der preiswerte Transport per Gigaliner zu einem ruinösen Wettbewerb zu Ungunsten der Bahn führen könnte.

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Ein Tag wie ein Land

Die Recherchereise dauert länger, aber dieser Tag ist ihr Kondensat: Indiens Gegensätze kompakt.

Frühstück mit einem deutschen Automobil-Manager auf der Dachterrasse des Hotels. Ich lerne, dass „Premium“ das aktuelle Neusprech-Wort für Luxus ist. Und, dass es in Indien fast unmöglich ist, an einen adäquaten Bodenbelag für Premium-Autohäuser zu kommen. Indien ist ein schwieriger Markt für den Manager.

Bauernfamilie in Rajasthan
Bauernfamilie in Rajasthan

Von Delhi fliegen wir ein paar Stunden nach Süden. Von Udaipur geht es mit dem Auto weiter, diesmal zusammen mit einem indischen Manager. Er kommt aus der wohlsituierten Mittelschicht. Auch er hat sich einen schwierigen Markt ausgesucht. Der Startup-Unternehmer will unter anderem Solarlampen an Bewohner noch nicht elektrifizierter Gegenden verkaufen. Nach zwei Stunden kommen wir in einer an.

Von der Straße aus geht es über einen Pfad zu Fuß 100 Meter den Hang entlang. Das Bauernhaus ist nach vorne offen, rautenförmige Holzgitter schützen vor Tieren und lassen Licht herein, wenn es hell ist. Jetzt ist es längst dunkel, die Sonne geht hier früh unter. Auf dem Sims brennt die schwache Flamme einer Kerosinlampe. Doch die acht weißen LEDs einer Solarlampe erleuchten den Raum viel heller. Der Bauer hat sie für umgerechnet 35 Euro gekauft, damit seine Kinder abends lesen und die Frau im Licht besser kochen kann. Er zahlt das Geld in drei Monatsraten ab. Der Boden des Hauses ist aus Lehm.

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Gut so: Erkundung weiterer Endlager-Standorte beschlossen

Dass neben Gorleben weitere mögliche Endlager-Standorte gesucht werden sollen, ist richtig. Dass die Bevölkerung nachher aus einer Liste den besten Standort auswählen soll, dagegen falsch.

Nun sollen neben Gorleben also doch noch weitere Standorte erkundet werden, die zu einem Endlager für hochradioaktiven Abfall ausgebaut werden könnten. Gut so.

Wäre Gorleben der einzige Standort geblieben und hätte die Erkundung ergeben, dass der Standort geeignet ist – die Wahrscheinlichkeit, dass Gorleben tatsächlich zum deutschen Endlager für hochradioaktiven Abfall geworden wäre, wäre gering gewesen. Der Widerstand in der Bevölkerung gegen Gorleben war und ist groß. Die Entscheidung, nur Gorleben zu erkunden, ist nie richtig erklärt worden. Die Bevölkerung hätte nicht geglaubt, dass Gorleben tatsächlich geeignet ist, sie hätte geglaubt, dass so lange getrickst und gemauschelt wurde, bis das gewünschte Ergebnis fest stand. Auch hätte ein Gericht die Entscheidung kippen können, Gorleben zum Endlager auszubauen.

Alter Vorschlag

Nun verkündet Umweltminister Röttgen, dass es „kein Tabu“ und „eine weiße Karte“ gäbe, auf der in allen Bundesländern nach möglichen Standorten gesucht wird. Diese Vorgehensweise hat der Arbeitskreis Endlager schon unter der rot-grünen Koalition vorgeschlagen, doch in dieser Zeit ist lediglich beschlossen worden, Gorleben nicht weiter zu erkunden.

Dass nun zwei oder drei Standorte erkundet werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es in Deutschland in 30 bis 50 Jahren ein Endlager für hochradioaktive Abfälle geben wird. Zum einen dürfte sich die Blockadehaltung einiger Kernenergiegegner auflösen, denn mehr als mehrere Standorte im ganzen Land suchen, kann man nicht. Zum anderen wird ein im Vergleich gefundenes Endlager gesellschaftlich um einiges akzeptabler sein als eines, das man „per Zufall gefunden“ oder „aus Willkür festgelegt“ hat.

Volksabstimmung über ein Endlager?

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann sagte in Deutschlandradio Kultur, man könne nach der Erkundung mehrerer Standorte national darüber abstimmen lassen, welcher Standort zum Endlager werden soll.

Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird. Denn erstens wird bei den meisten Menschen das NIMBY-Kriterium an oberster Stelle stehen: Not in my Backyard. Zweitens: Wie sollen Laien darüber abstimmen können, ob der eine Standort geeigneter ist als der andere? Dafür gibt es Wissenschaftler-Gremien, die jahrelang diskutieren und abwägen.

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Greenpeace übertreibt: Standort Gorleben ist nicht “ungeeignet”

Greenpeace sagt, Gorleben sei ungeeignet, ein sicheres Endlager für hochradioaktiven Abfall zu werden. Manche Politiker und Unternehmen sagen, Gorleben sei geeignet, ein solches Endlager zu werden. Beides ist noch nicht bewiesen.

Die Umweltorganisation Greenpeace berichtet über Proteste gegen geplante Castortransporte. Ohne hier eine Wertung in Sachen Kernenergie vornehmen zu wollen: Die auf greenpeace.de veröffentlichte Nachricht bedarf ein paar Erläuterungen.

Wenige Meter vom Zwischenlager in Gorleben entfernt versucht die Bundesregierung, auf Biegen und Brechen den ungeeigneten Salzstock als Endlager durchzusetzen.

Dass Gorleben ungeeignet ist, behauptet Greenpeace seit Jahren. Bewiesen ist es bis heute nicht. Genauso wie es noch nicht bewiesen ist, dass Gorleben geeignet ist. Die Mehrheit der Endlager-Experten, zum Beispiel die Wissenschaftler in der Entsorgungskommission, sagen: Gorleben muss weiter erkundet werden. Darunter befinden sich übrigens auch erklärte Gegner der Nutzung der Kernenergie zur Energiegewinnung.

Es hat für diesen Salzstock nie ein wissenschaftliches Auswahlverfahren gegeben.

Hier müsste definiert werden, was ein „wissenschaftliches Auswahlverfahren“ ist. In der Tat hat es nie eine Liste mit möglichen Endlager-Standorten gegeben, aus der nach wissenschaftlichen Kriterien der beste ausgesucht wurde. Doch wie will man das auch machen, wenn die Standorte noch gar nicht erkundet sind? Bis heute, nach Jahren der Erkundung, weiß man nicht, ob Gorleben geeignet ist oder nicht.

Gorleben war in der Tat mehr eine politische als wissenschaftliche Entscheidung. Doch Entscheidungen dieser Art sind immer politisch – wenn das beste Endlager mitten im Ruhrgebiet läge, würde man sich trotz der hohen Eignung dagegen entscheiden. Die Frage ist bei der Endlagersuche nicht: Wo ist das beste Endlager? Sondern: Welcher Standort ist technisch geeignet und politisch akzeptabel?

Dabei wäre das bitter nötig: Darunter liegt das größte Gasvorkommen Deutschlands.

Diese Aussage ist nicht bewiesen. In Deutschland gibt es viele Gasvorkommen, von denen man die tatsächliche Größe nicht kennt.

Auch im Salzstock selbst wurde dieses Gas schon gefunden. Das bedeutet, der Salzstock ist durchlässig und eine sichere Lagerung radioaktiver Stoffe kann nicht gewährleistet werden.

Das stimmt so nicht. Dass sich Gas in der Nähe des Salzstocks befindet, ist seit langem bekannt. Ob es den Salzstock tatsächlich zu einem ungeeigneten Endlager-Standort macht, ist noch nicht bewiesen.

Trotzdem halten Atomindustrie und Politik an diesem Standort fest. Riedl hierzu: "Mit jedem Castortransport wird der Salzstock Gorleben als Endlagerstandort zementiert. Das dürfen wir nicht zulassen!"

In der Tat hoffen die Energiekonzerne, die Kernkraftwerke betreiben, darauf, dass möglichst schnell ein Endlager gefunden wird, schließlich bezahlen sie die Erkundung. Dass das privat betriebene Zwischenlager in Gorleben die meisten Castor-Behälter aufnimmt, unterstützt diesen Wunsch. Dass dadurch aber auch die Entscheidungsfindung beeinflusst wird, hieße, dass wissenschaftlich-technische Kriterien außer Acht gelassen und stattdessen monetäre Interessen verfolgt werden. Falls die von Umweltminister Röttgen gestartete Transparenz-Kampagne ehrlich und konsequent verfolgt wird, wird diese Missachtung wissenschaftlich-technischer Kriterien auffliegen.

Man kann aus guten Gründen gegen die Einlagerung von Castor-Behälter ins Zwischenlager Gorleben sein, etwa, weil man in der Nähe wohnt, oder weil man befürchtet, Gorleben wird dadurch automatisch zum Endlager. Man muss dabei aber auch erklären können, warum die Castor-Behälter woanders besser aufgehoben sind. Der Atommüll ist da. Man kann nicht gegen seinen Transport oder gegen seine Zwischen- und Endlagerung sein. Man kann nur dagegen sein, neuen Atommüll zu produzieren.

Warum es sinnvoll ist, neben Gorleben weitere Standorte zu erkunden, habe ich zusammen mit meinem Kollegen Martin Borré in Bild der Wissenschaft erläutert:

Das Problem ist nicht, dass die Entscheidung auf Gorleben gefallen ist. Das Problem ist, dass nicht ehrlich genug, transparent genug und verständlich genug erklärt wurde, warum. Bei vielen Menschen hat sich die Meinung verfestigt, dass die Entscheidung vor allem aus wirtschaftlich-politischen Machtinteressen heraus getroffen wurde. Und das macht Angst.

Die Aufgabe von Politikern und Wissenschaftlern ist es, den Menschen diese Angst zu nehmen. Dazu müssen sie Erkenntnisse und Entscheidungen transparent, nachvollziehbar und überprüfbar machen. Neben Gorleben muss noch ein zweiter, vielleicht auch ein dritter Standort erkundet werden. Denn selbst wenn Gorleben technisch gesehen ein sehr guter Standort sein sollte – die Bürger werden es weder glauben noch akzeptieren. Sie werden glauben, dass getrickst und gemauschelt wurde, bis das gewünschte Ergebnis feststand. Die großen Energiekonzerne dürften ein Interesse daran haben, dass Gorleben rasch zum Endlager gekürt wird. Schließlich müssen sie die Erkundung von Endlagerstandorten bezahlen. Davon abgesehen könnten Gerichte die mögliche Standortwahl Gorleben eines Tages kippen. Dann stünde man wieder ganz am Anfang. Und der Atommüll wäre immer noch da.

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Hello World: Erster Blogeintrag

Willkommen beim neuen Viermann-Blog.

Viermann ist ein Redaktionsbüro für Wissenschaft und Technik. Wir sind drei Technikjournalisten, die für Print, Radio und Online über Themen aus Wissenschaft und Technik berichten, jetzt auch in diesem Blog.

Worüber wir hier genau schreiben, wissen wir noch nicht. Manche Themen werden aber bestimmt mit unserer Recherche für Radio und Zeitung zu tun haben. Wir sprechen öfter mit Menschen, die interessante Dinge zu berichten haben. Viel zu oft können wir aber nur einen kleinen Teil des Gesagten in unseren Artikeln und Radiobeiträgen verwerten. Den "Rest" wollen wir ab sofort hier zum Beispiel als Audio- oder Video-Datei oder als verschriftliches Interview veröffentlichen.

Wir wollen uns über Entwicklungen in Wissenschaft und Technik aber auch eigene Gedanken machen und die hier mit der Öffentlichkeit teilen.

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