Der beste Mix

Während ich dies schreibe, höre ich Radio. Es ist neu, es ist digital, es kommt aus dem Internet. Eines der größten Unternehmen, bekannt für Innovationen, hat es heute gestartet. Es ist das langweiligste Radio der Welt. Denn etwas fehlt.

iTunes Radio bietet, was andere auch bieten: Den besten Mix. Und offensichtlich gibt es dafür ja eine Zielgruppe. Wenn die Hörer den besten Mix nicht hören wollten, dann würde es nicht so viele dieser Sender geben. Und toll: iTunes Radio lässt mich die Songauswahl mitbestimmen, wenn ich das will. Alles kostenlos, direkt aus dem Netz. Was will man mehr?

iTunes Radio: Musik mit Preisschild statt Seele.
iTunes Radio: Musik mit Preisschild statt Seele.

Einiges. Ja, es klappt erstaunlich gut, wie iTunes Radio mir neue Musik vorspielt, die mir gefällt. Aber dieses Vorspielen ist ein Abspulen, ein endloses Aneinanderreihen ohne Spannungsbogen, ohne Seele. Das ist vielleicht ein bisschen hochgegriffen, aber es beschreibt den Unterschied zwischen einem persönlich komponierten Mixtape voller Entdeckungen und einem personalisiert zusammengewürfelten Mix mit Preisschild an jedem Track und Link zum Store.

Der Freund im Radio

Das Mixtape ist natürlich auch nicht das, was die Bester-Mix-Sender bieten. Da höre ich tatsächlich lieber iTunes Radio. Aber das Mixtape im Radio gibt es. Und ich will es. Ich will eine bewusst zusammengestellte Auswahl. Ich will neue Musik nicht nur hören, ich will sie präsentiert bekommen wie von einem Freund. Ich will Klaus Fiehe, der mir mit seinen Anekdoten seinen Bezug zur Musik in seiner Sendung schildert. Ich will Alan Bangs und Mike Litt und Christiane Falk. Wenn ich ihnen und ihrer Musik zuhöre, habe ich sogar manchmal das Gefühl, sie haben nur für mich ein Mixtape zusammengestellt.

Bei iTunes Radio habe ich schnell auf „Weiter“ geklickt, wenn mir ein Track nicht gefällt. Am „richtigen“ Radio muss ich dranbleiben oder umschalten. Das braucht Kunst manchmal. Der erste Akt des Theaterstücks war wirr? Vielleicht ergibt im zweiten alles Sinn. Ich gehe nicht in der Pause nach Hause. Klaus Fiehe hat gesagt, die Band ist gut. Ich schalte nicht um. Und wenn iTunes Radio sie mir nächste Woche nochmal vorspielt, höre ich nochmal ganz genau hin, ob mir die Sperrigkeit der Band oder des Songs nicht doch auch gefällt.

Mein Mix: Musik oder Wort

Ich kann diesen Text nicht beenden, ohne etwas über Wortbeiträge zu schreiben. Eigentlich sollte es sogar nur um Wortbeiträge gehen, jetzt ist es ein Text über Musik geworden. Ob wegen fehlender Moderationen, Wortbeiträge oder Seele: Dass der neue Streaming-Dienst iTunes Radio heißt (wie auch schon die vergleichbaren Funktionen von Last.fm und Spotify), ist ein Hohn. Und gefährlich. Es manifestiert die Wahrnehmung von Radio als Musikabspielstation und lässt es so immer belangloser werden. Doch überraschenderweise hat Apple auch die schon totgeglaubte Podcastfunktion von iTunes und die Podcast-App für iOS-Geräte überarbeitet. „Sender“ kann ich mir dort jetzt zusammenstellen, meinen persönlichen Mix an Wortbeiträgen. Und vielleicht ist das doch weiter nach vorne gedacht von Apple als ich anfangs dachte und schrieb.

Denn wie konsumiere ich Musik und Wort? Ich mache mir den besten Mix selbst – indem ich nicht mixe. Beim Arbeiten: Musik, am besten instrumental. Beim Sport: Wort. Beim Bahnfahren: je nach Stimmung, Müdigkeit, Länge. Beim Kochen, auf der Couch, beim Putzen, in der Kaffeepause – in jeder Situation will ich entweder das eine oder das andere, selten beides. Ich entscheide mich, ob ich aufmerksam sein will oder Untermalung brauche. Und die guten Musiksendungen im Radio gehören in die Aufmerksamkeitsphasen. Jetzt müsste es die nur noch als Podcasts geben.

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