“Komm, Papa, wir tanzen.”

Seit einem Unfall vor 19 Jahren ist Nicole Holland auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie ist teilquerschnittgelähmt und konnte ihre Beine bisher praktisch nicht nutzen. Sie nimmt am Universitätsklinikum Bochum, das den schönen Namen Bergmannsheil trägt, an einer Studie teil, in der untersucht wird, ob Gehroboter helfen können, die Beinfunktion von Teilquerschnittgelähmten wieder zu aktivieren.

Frau Holland, wie läuft's?

Neulich hatte ich Zeit ohne Ende, weil ein Trainingstermin ausgefallen war. Dann bin ich mit dem Fahrer zum Supermarkt gefahren. Als wir auf dem Parkplatz waren, fragte er: „Rollstuhl oder Rollator?“ Und dann bin ich halt mit dem Rollator in dieses Geschäft rein. Nach diesen fast 19 Jahren über diese Regale drüber hinweg zu gucken, das war eine ganz neue Erfahrung. Das machte dann natürlich auch Mut.

Am nächsten Tag bin ich dann auch mit dem Rollator zur Therapie. Aber als ich dann meine Trainingshose aus dem Nebenraum holen wollte, das war das erste Mal, dass ich richtig grinsen musste. Denn mal eben die Hose holen, das geht mit dem Rolli zupp-zupp, aber mit dem Rollator geht das nicht mal gerade eben. Aber es war ganz, ganz toll.

Was ist das Tolle für Sie?

Wenn Du jemanden in Augenhöhe antriffst, das ist anders. Oder auch Räume wieder so wahrzunehmen, wie ich sie früher wahrgenommen habe. Dieses Überschauen, das ist es: Man kann einfach die Dinge überblicken.

Aber es muss auch anstrengend sein.

Die Muskulatur spüre ich ja nicht. Aber ich bin auf einem Musikabend gewesen. Da hatte ich mich an einen Stehtisch gestellt, dahinter war eine Wand. Da habe ich dann eineinhalb Stunden an der Wand und an dem Tisch gestanden. Dann habe ich aber gedacht: "Nicole, jetzt setz dich aber mal wieder hin." Dann fängt man an zu zittern und zu schwitzen. Der Körper sagt: "Hallo, können wir mal ne Pause machen?"

Wenn Sie nicht genau wissen, was auf Sie zu kommt, nehmen Sie lieber den Rollstuhl als Krücken oder Rollator?

Ja, noch auf jeden Fall. Das schönste in dieser kurzen Zeit war, als ich mit meinem Vater am ersten Weihnachtstag am Tisch saß und "Bye, bye, my love" lief. Und ich sagte: "Komm, Papa, wir tanzen." - "Wie?" - "Komm, wir tanzen, stell dich jetzt hier hin!". Das war jetzt natürlich kein Vier-Viertel oder so, aber es war einfach nur schön. Wie mein Papa mir in die Augen geguckt hat... Bei meiner Mutter liefen die Tränchen, aber ich habe ganz egoistisch an mich gedacht und einfach mal im Stehen et Föttche gehen lassen.

Ändern sich bei Ihnen jetzt Dinge, die bisher gar keine Rolle gespielt haben?

Um Schuhe musste ich mich bisher gar nicht kümmern. Jetzt habe ich extra hergestellte orthopädische Schuhe, weil der linke Fuß nach innen zieht und der rechte Fuß keine Hebewirkung mehr hat. Außerdem sind die Beine unterschiedlich lang. Die sind jetzt schon richtig beansprucht worden. Als nächstes hätte ich gerne schöne Turnschuhe. Die sind jetzt eben nicht mehr nur Accessoire, sondern ich kann sie richtig nutzen. Andere Schuhe habe ich schon seit 15 Jahren, die sind ja nie verschleißt worden.

Wollen Sie manchmal zu viel?

An einem Tag hatte ich die Unruhe. Ich habe meine Physiotherapeutin angerufen und gefragt: "Was ist eigentlich mit Treppensteigen?" "Übertreib es nicht," hat sie gesagt. Das sind hier drei Etagen in dem Haus. Anstatt, dass ich dann erstmal ein Plateau hoch gehe und dann wieder runter, stiefel ich natürlich direkt die ganzen drei Etagen hoch. Da war ich nachher sehr froh, dass ich unten wieder heil angekommen bin. Da habe ich mich überschätzt. Aber ich kann im Grunde nur jedem raten: selber versuchen. Wenn Sie wissen, dass Sie sicher sind und Blutdruck und Puls und alles in Ordnung ist: ausprobieren!

Abgesehen von den Fortschritten in der Mobilität: Haben Sie Ziele?

Weshalb ich überhaupt die Initiative ergriffen habe: Ich möchte wieder arbeiten gehen. Dadurch dass ich Leistung gebracht habe, sage ich mir: So, jetzt kann ich wieder arbeiten gehen. So jung Rentner sein ist nicht toll. Mit meiner Behinderung habe ich trotz eines sehr guten Abschlusses als Kosmetikerin keine Stelle bekommen. Da bin ich in ein tiefes Loch gefallen, bis später meine Tochter geboren wurde. Jetzt ist sie 14. Das kann das Leben nicht gewesen sein.

Das heißt, durch das Training mit dem Exoskelett verändert sich Ihr ganzes Leben?

Ich werde definitiv in der Eifel verkaufen: Das Haus, alles, ich werde alles aufgeben. Ich möchte  nicht mehr so auf das Auto angewiesen sein. Und ich muss unter Menschen. Ich denke, dass das bis zum Sommer alles über die Bühne ist. Also, es hat sich viel getan.

Werfen Sie auch manchmal einen Blick zurück?

Manchmal denke ich daran, dass das alles schon viel, viel früher hätte gehen können. Dann sage ich mir: Die Zeit ist weg, die mache ich nicht mehr gut. Aber ich lebe ja nicht in der Vergangenheit, ich lebe in der Zukunft.


Mehr von Nicole Holland und zu den Chancen, aber auch zu den Grenzen, die Exoskelette bieten, in Wissenschaft im Brennpunkt im Deutschlandfunk. Für diese Sendung habe ich dieses Interview geführt. Es fand nach rund sechs Wochen Gehtraining mit dem Exoskelett statt.

In Wissenschaft im Brennpunkt geht es neben dem in Bochum getesteten HAL-Skelett um Ekso von Ekso Bionics und ReWalk von Argo Medical Technologies. ReWalk wird mit einem Armband gesteuert und bietet Funktionen zum Aufstehen und Hinsetzen, zum Gehen und zum Treppensteigen (Foto links). ReWalk und Ekso lassen sich nur sicher mit Krücken benutzen. Denise Engelmann, die Ekso in Heidelberg getestet hat, hält Exoskelette daher für nicht alltagstauglich und zieht den Rollstuhl vor (Foto unten). Mehr in Der Traum vom aufrechten Gang - Exoskelette im Praxistest. (Manuskript, MP3-Audio-Datei)

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