Neuland in New York

Neuland, Überwachung und Ground Zero - was die Bewohner von Lower Manhattan mit Netzaktivisten gemeinsam haben.

Neuland provoziert immer eine Machtfrage. Wer darf über Grund und Boden bestimmen? Wer entscheidet, welche Rechte und Pflichten hier gelten und wie das Land genutzt wird? Auf Ground Zero stellten sich diese Fragen überraschend und plötzlich für ein riesiges Filetgrundstück in Manhattan. Eine endgültige Antwort auf die Machtfrage gibt es noch nicht. Einige New Yorker fürchten allerdings, dass am Ende die Sicherheitsbehörden die Antwort definieren.

Sicher, man war sich nicht immer einig in New York. Während der Schutt des zerstörten World Trade Centers abgetragen wurde, entwarfen und verwarfen Stadtplaner und Architekten, Bürger und Stadtverwaltung viele Ideen, Ansätze und Pläne für das Areal. In einem war man sich aber weitgehend einig. Einen abgeschotteten Gebäudekomplex wie das World Trade Center (WTC) wollte niemand mehr.

Das WTC war eine Gated Community - im Internet ist dieser Begriff auch bekannt. Compuserve und AOL waren mal abgeschlossene Gemeinschaften im Netz. Facebook hat die Art seiner Abschottung über die Jahre verändert: von "Hier nur Harvard-Studenten" hin zu einer Plattform, die das übrige Netz mehr und mehr zu ersetzen versucht. Werden die Wälle zu hoch gezogen, zu wenig Verkehr von außen hinein und von innen heraus erlaubt, kann das die Community allerdings gefährden - vgl. StudiVZ.

Die Abschottung hat das WTC nicht vor erfolgreichen Terrorangriffen schützen können. Zudem hatte sich Lower Manhattan seit dem Bau des Komplexes in den 1960er Jahren stark verändert. Die Finanzindustrie war nicht mehr so stark, Büros wurden in Wohnraum umgewandelt. Immer noch steigen die Einwohnerzahlen in dem ehemaligen Büro-Bezirk. Langsam entsteht auch die nötige Infrastruktur: Supermärkte, Waschsalons, was man so braucht. Ein wirklich lebendiger Stadtteil ist Lower Manhattan aber noch lange nicht. Die sich über mehrere Blocks erstreckende Baustelle des neuen World Trade Centers ist dem auch nicht gerade zuträglich. Denn sie ist genauso abgesperrt wie es das Gelände zuvor schon war. Auf mehr Offenheit und Freizügigkeit müssen die Menschen noch warten.

Das Memorial wird scharf bewacht.

Mitten drin in der Baustelle liegt das 9/11 Memorial, die Gedenkstätte für die Terroranschläge, zugängig über schmale, eingezäunte Wege. Hier kann man schon erahnen, wie das Areal einmal aussehen könnte. In der Besucher-Broschüre ist eine Computergrafik abgedruckt, die einen von allen Seiten offen zugänglichen Platz zeigt. Der Text daneben bestätigt, dass das der Plan sei, wenn die Hochhäuser ringsum fertig gestellt sein werden. Straßen, die bisher vom WTC-Gelände unterbrochen sind, sollen wieder durchgehend befahrbar oder begehbar sein.

Die New Yorker Polizeibehörde (NYPD) könnte durch diese Planungen allerdings einen dicken Strich machen. Sie will Fahrzeuge nicht nur mit Pollern von den Gebäuden fernhalten, es sollen generell nur Fahrzeuge mit Genehmigung auf das Areal dürfen. Absenkbare Straßensperren, Checkpoints und Wachhäuschen sind auf dem Plan zu Dutzenden rund um das WTC verteilt. Schon zuvor hat sich die Polizei in die Planungen eingemischt: One World Trade Center, der Wolkenkratzer, musste weiter von der Straße weg gebaut werden als zunächst geplant. Die unteren 60 Meter dürfen keine herkömmliche Glasfassade tragen, weil die Splitter bei einer Bombenexplosion viele Menschen verletzen könnten. Auch die übrigen WTC-Gebäude bestehen in den unteren Etagen vor allem aus Beton und Stahl.

Stahl statt Glas: Fassade von WTC-Hochhaus Nummer 7

Die Menschen in Lower Manhattan haben jetzt Sorge, dass die Absperrungen, die Überwachungskameras (auf den Schildern steht "Security Camera"), die Polizeiautos und bewaffneten Polizisten nicht zusammen mit den Baufahrzeugen und Bauarbeitern verschwinden werden.

Ein lebendiger Stadtteil kann sich so nicht entwickeln. Stahlfassadan statt Geschäften im Erdgeschoss, Polizisten statt Straßenhändler, Wachhäuschen statt Zeitungskioske sorgen nicht gerade für einen Ort, an dem man sich wohlfühlt.

Dasselbe steht für das Internet zu befürchten. Zum einen wird die einmal installierte Sperr- und Überwachungsinfrastruktur nicht von selbst wieder verschwinden. Zum anderen werden Staaten, die das Internet als Neuland betrachten, versuchen es zu beherrschen, die Machtfrage - zumindest auf einem Stückchen Internet - für sich zu entscheiden. Das gilt allerdings auch für Unternehmen. Apple und Google machen vor, wie man Neuland erobert und dort seine Regeln durchsetzt. Doch zu viele Regeln schaden der Kreativität. Zu viele Überwachungsmechanismen schaden der Lebendigkeit.

Zu viel Sicherheit schadet. Das sehen sogar die Menschen so, die von einem erneutem Anschlag am World Trade Center betroffen wären. Diejenigen, die in der Gegend leben und jahrelang unter 9/11 gelitten haben.

 

Die Interviewausschnitte in diesem Artikel stammen von dem Architekten und Stadtplaner Alex Garvin, der in den ersten Monaten nach 9/11 bei der Lower Manhattan Development Corporation für die Neuplanung des Stadtteils zuständig war, und von dem New Yorker Brendan Sexton, der sich in unterschiedlichsten Gremien für die Belange der Bürger einsetzt. Die Interviews habe ich für einen DRadio-Wissen-Beitrag geführt.

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